Crowdsourced translation – werden professionelle Übersetzer überflüssig?

Crowdsourced translation - werden professionelle Übersetzer überflüssig?

Die Globalisierung schreitet scheinbar unaufhaltsam voran. Auch wenn momentane politische Strömungen Ängste schüren und den Kontakt der Kulturen erschweren wollen, steigen die Exporte weltweit und Menschen machen sich auf und kehren ihrem Land den Rücken. Für die Übersetzer und Dolmetscher dieser Welt scheint dies ein Glücksfall zu sein. Wo Handel und Migration florieren, sind Sprachmittler unabdinglich. So weit, so normal.

Doch scheinen Kräfte zu walten, die den Linguisten das Leben wieder einmal schwer machen wollen. Erst war es der Computer, der das drohende Ende der Übersetzergilde einläutete, Stichwort Computerübersetzung. Nun ist es die Netzgemeinde.

Was bedeutet Crowdsourced translation?

Unternehmen und Organisationen greifen beim Crowdsourcing auf die Ideen und das Wissen von Internetnutzern zurück, sozusagen die Schwarmintelligenz der User. Bei der „crowdsourced translation“ wird das Textprodukt einer Community bereitgestellt, die gemeinsam übersetzt, korrigiert und überarbeitet. Wie und mit welchen Mitteln und Quellen das geschieht, ist von nachrangigem Interesse. Das primäre Ziel einer derartigen Übersetzung scheint offensichtlich: keine bzw. niedrige Kosten. Befürworter des gemeinschaftlichen Arbeitsprozesses argumentieren mit der hohen Geschwindigkeit, der Skalierbarkeit und dem sofortigen Feedback der Nutzer.

Facebook mischt den Übersetzermarkt auf

Das bekannteste Beispiel für den Einsatz von Crowdsourcing beim Übersetzen ist wohl Facebook. Das Unternehmen bat im Jahr 2007 seine User bei der Lokalisierung der Benutzeroberfläche um Hilfe. Innerhalb kurzer Zeit erhielt Facebook nach eigenen Angaben Übersetzungen von 300.000 Freiwilligen in 70 verschiedenen Sprachen. Die in gemeinschaftlicher Arbeit entstandenen Übersetzungen mussten nur noch Korrektur gelesen werden. Dank seiner motivierten Nutzer sparte sich Facebook sich nicht nur viel Geld, sondern erhielt zudem noch wertvolle Informationen. Nach Auswertung von 300.000 Texten ergibt sich ein ziemlich exaktes Bild, wie die User mit und auf der Plattform kommunizieren möchten.

Auch gemeinnützige Organisationen, wie „Translators without borders“ nutzen crowdsourced translations für ihre Übersetzungen. Haupteinsatzgebiete sind Krisenregionen, wo überlebenswichtige Informationen schnell verbreitet werden müssen. Nach dem Erdbeben in Nepal im Jahr 2015 half ihre App Words of Relief Digital Exchange dabei, unkompliziert und schnell Übersetzungen an Helfer und Verschüttete zu übermitteln. Die schwache Infrastruktur Nepals und die schwere Katastrophe verlangten nach unkonventionelle Lösungen. Internetnutzer übersetzten Tweets und Nachrichten in und aus Nepals Landessprachen Hindi, Newari und Nepalesisch.

Je höher die Motivation der Community, die sich an freiwilligen und unbezahlten crowdsourced translations beteiligt, desto höher die Qualität und der Nutzen für den Auftraggeber.

Crowdsourcing als kostengünstige Alternative sollte nicht partout verteufelt werden, gehört Arbeitsteilung doch zu den Grundprinzipien des Wirtschaftens. Der technologische Fortschritt, der nun für die Konkurrenz sorgt, vereinfachte die Arbeit als Übersetzer erheblich, machte ihn unabhängiger.

Bei regulären Übersetzungsprojekten kommt Crowdsourcing zur Übersetzerakquise wohl kaum in Frage. Für Unternehmen, die Übersetzungen in Auftrag geben, sind Faktoren wie Qualität, Datensicherheit und die Minimierung von Risiken wichtiger als der Preis. Daher ist die erneute Sorge der beruflichen Übersetzer, überflüssig zu werden, unbegründet. Fachwissen, übersetzerische Fertigkeiten und sprachliche Fähigkeiten werden auch in Zukunft gefragt sein. Genauso, wie das Wissen um Konventionen und branchenspezifischen Jargon.