Über Die Zukunft Maschineller Übersetzungen

Über Die Zukunft Maschineller Übersetzungen

lingoking-Geschäftsführer Timo Müller über den Status quo maschinengefertiger Übersetzungen, Google Translate und künstliche Intelligenz


1. Timo, Google Translate und andere maschinelle Übersetzungssysteme sind seit geraumer Zeit in aller Munde. Die mediale Präsenz dieser scheinbar genialen Übersetzungsprogramme ist enorm. Wie steht lingoking dazu?

Das mit der maschinellen Übersetzung ist so eine Sache. Wir beobachten den Markt hier sehr genau, sehen darin jedoch – zum jetzigen Zeitpunkt und auch in Zukunft– keinen Wettbewerb zu lingoking.

2. Wie untermauerst du diese Einschätzung?

Die beste Veranschaulichung liefert Google Translate; in diesem Bereich das wohl aktuell ausgereifteste System. Lässt man sich – selbst einfache–  Webseiten übersetzen, von denen man wirklich nichts versteht, braucht es eine gehörige Portion kreativer Improvisationsgabe, um den Inhalt beim dritten Durchlesen auch nur ansatzweise zu verstehen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass Webseiten die mit Abstand am einfachsten zu übersetzenden Inhalte liefern, da sie in aller Regel eine einfache Sprache in eindeutigem Kontext aufweisen. An solchen Beispielen wird deutlich, wie weit der Weg für maschinelle Übersetzung noch ist. Und das nach fast 50 Jahren Forschung! Die Grundsteine dafür wurden 1966 gelegt, damals übrigens mit dem Ergebnis, dass das Problem unlösbar ist.

[Anm. d. Red.: Gemeint ist hier der sog. ALPAC-Report von 1966. ALPAC steht für „Automatic Language Processing Advisory Committee“. Darin konstatierte der Expertenausschuss:  „(…) slower, less accurate and twice as expensive as human translation (…) there is no immediate or predictable prospect of useful machine translation.“ Al-Massri, Ismat: Text, Linguistics and Translations, 2003, S. 183)]

3. Was sind die Ursachen für dieses anscheinend unlösbare Problem?

Stellt man sich das eigene Gesicht vor, wenn man nach 9 Jahren Schulenglisch mit einem umfangreichen englischen Vertragswerk konfrontiert wird, bekommt man ein Gefühl für das Komplexitätsspektrum von Übersetzungen.

Maschinelle Systeme bauen auf Statistik auf, Menschen verstehen. Das ist ein grundlegender Unterschied. Um Aussagen in einen Kontext einordnen zu können, gegebenenfalls aus dem Text nicht ersichtliche Rahmeninformationen einbeziehen zu können, um Emotionen und Zweideutigkeiten wie Ironie korrekt übersetzen zu können, braucht es jedoch dieses „echte“ Verständnis eines Menschen. Statistische Methoden stoßen aufgrund ihrer Natur spätestens hier an Ihre Grenzen. Auch langfristig. Ein Problem, dass Vorhergesagtes potenziert.

4. Welche Schlussfolgerung ziehst du daraus?

Selbst bei einfachen Texten sind diese Systeme nicht alltagstauglich. Nicht umsonst häufen sich bei Youtube Videos, in denen berühmte Songs via Google Translate in eine Fremdsprache und wieder zurück ins Englische übersetzt werden und der neu entstandene Text dann auf die ursprüngliche Melodie gesungen wird. Durchaus unterhaltsam. Aber eben auch recht deutlich, was die Qualität der verwendeten Übersetzungssysteme angeht.

5. Stelle dir vor, du hättest eine Glaskugel, mit der du die Zukunft des maschinellen Übersetzens sehen könntest. Wie sieht diese Zukunft aus?

Natürlich dürfen auch wir nicht behaupten, dass professionelle Übersetzungssynthese absolut nicht möglich sein wird. Ähnliche Fehler wurden vor jeder bahnbrechenden Innovation gemacht und werden zu Recht im Nachgang belächelt. Wir sind jedoch der Meinung, dass für die Schaffung wirklichen Verständnisses durch Maschinen – als Grundvoraussetzung für eine ausgereifte maschinelle Übersetzung – etwas erreicht werden muss, das die Menschheit schon länger beschäftigt: künstliche Intelligenz. Ist diese Hürde genommen, steht dem nichts mehr im Wege. Ist diese Hürde genommen, wird diese Technologie allerdings auch sämtliche anderen Aufgaben übernehmen können, die nicht gerade handwerklicher Natur sind. Und das wären die Aufgaben von 95% der lingoking-Belegschaft, vom Projektmanager, der sich organisieren und viel kommunizieren muss, zum Online-Marketing-Manager bis hin zur Geschäftsführung. Vermutlich müssten dann auch komplexe Investmententscheidungen nicht mehr von Menschen getroffen werden.

Bevor künstliche Intelligenz existiert, wird die maschinelle Übersetzung auch nicht für professionelle Zwecke ausreichen und schon gar nicht menschliche Übersetzungsprofis ersetzen können. Wir sind uns sicher, dass es auch in den kommenden Jahren kein System geben wird, dass diese Hürden gleichwertig zum menschlichen Hirn meistern kann. Auch weiterhin wird bei unseren Kunden der Begriff Google Translate synonym für schlechte Qualität stehen – das hören wir immer wieder.

Aus unserer Sicht taugen solche Systeme allenfalls für extrem einfache Texte im privaten Umfeld und sind aktuell mehr als komfortableres Wörterbuch denn als Ersatz realer Übersetzer zu sehen. Für unsere Zielgruppen und deren Anwendungsfälle – z. B. Verträge, professionelle Webseiten etc.–  sind solche Systeme schlicht bedeutungslos.

6. Dann legst du das Thema der maschinellen Übersetzungen also getrost ad acta?

Nein, gar nicht. Das Thema ist trotz allem auch für uns spannend. Gleich aus mehreren Gründen: Mittelfristig können wir solche Technologien dazu verwenden, unsere Dolmetscher & Übersetzer bei Ihrer Arbeit zu unterstützen (selbst dafür ist aktuell die Qualität aber noch zu schlecht, das ist aber ein eigenes Thema auf das wir gerne gesondert eingehen).

Langfristig – sollte die Technologie tatsächlich besser einsetzbar werden – und auch damit ist noch keine gleichwertige Qualität zu menschlichen Profis gemeint – könnten wir solche Dienste in unsere Plattform integrieren und als kostenloses oder sehr preiswertes Einstiegsprodukt anbieten. Wirklich langfristig – wenn das Problem der künstlichen Intelligenz gelöst ist und solch ein Service wirklich gleichwertig zu menschlichen Profis arbeitet – können wir diese Technologie in unsere Plattform integrieren und schaffen, für wen auch immer, durch unseren jahrelang erarbeiteten Marktzugang aus dem Stand eine attraktive Kapitalisierung.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Tatsache, dass Größen wie Microsoft, Apple, Google etc. so stark in diesen Markt investieren, zeigt uns, dass nicht nur wir ein enormes Potenzial in unseren Dienstleistungen und dem Markt sehen. Deshalb freuen wir uns auch über News zu dem Thema. Die Zeit wird kommen, in der Dienstleistungen wie lingoking sie anbietet alltäglich sein werden. Wir werden dann dabei sein und das Ganze aktiv mitgestalten!

Vielen Dank für das Gespräch, Timo!