Erfolgreich Fremdsprachen lernen

Erfolgreich Fremdsprachen lernen

Fünf Jahre? Eine so lange Zeit möchte sicherlich niemand investieren, um eine Fremdsprache vernünftig sprechen zu können. Doch genau so lange dauert es, bis Kleinkinder die Grammatik ihrer Muttersprache beherrschen. Den Spracherwerb empfinden sie jedoch nicht als Qual. Das exakte Gegenteil ist der Fall. Wie ein Schwamm saugen sie alle Wörter auf, die in ihrer Nähe geäußert werden und versuchen Stück für Stück, sich den Kontext zu erschließen, in dem solch ein Wort üblicherweise geäußert wird. Dann wird es munter „nachgebrabbelt“, bis das Kind das Wort schließlich korrekt aussprechen und sinnvoll in Sätzen unterbringen kann.

Eigentlich ist das ein hochkomplexer Prozess. Doch findet er in diesem Alter eben unbewusst statt. Es ist nur normal, dass ein Kleinkind seine Aufmerksamkeit in unmittelbarer Umgebung dorthin richtet, wo gerade gesprochen wird. Beim Füttern, Anziehen oder Wickeln sprechen die Eltern mit dem Kind, obgleich es selbst noch gar nicht (oder nur sehr kryptisch) antworten kann. Und wenn ein Baby in seinem Bettchen liegt und aus der Ferne Stimmen aus dem Radio oder dem Fernseher vernimmt, werden auch diese Wörter kognitiv verarbeitet. Wenn man all das hört, könnte man meinen, dass der Spracherwerb eine der leichtesten Varianten der Wissensaneignung ist. Aber warum fällt es dann vielen Erwachsenen so schwer, eine neue Sprache zu erlernen?

Der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) sagte einst: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Wer eine neue Sprache lernt, betritt demnach ein unbekanntes Gebiet, fühlt sich unsicher. Das mag vor allem daran liegen, dass derjenige weiß, dass er gerade eine neue Sprache lernt – heranwachsende Kleinkinder wissen das nicht. Um besser zu verstehen, auf welchen Arten man eine neue Sprache lernen kann, und welche Dinge dabei über Erfolg und Misserfolg entscheiden, sollte man zunächst wissen, welche Vorgänge sich im Detail beim Erwerb der Muttersprache ereignen. Ein erstes Gespür für Laute entwickelt ein Mensch bereits an einem dunklen und warmen Ort, an dem er sich geborgen fühlt. Und zwar im Mutterleib.

Das Konzert der Sprache: Melodien, Rhythmen und Pausen en masse

Ungefähr ab dem siebten Monat der Schwangerschaft hört das heranwachsende Kind die Stimme der Mutter. Diese klingt jedoch sehr dumpf, denn die hohen Frequenzen gelangen nicht in den Mutterleib. Das Kind nimmt vielmehr die individuelle Melodie der Sprache der Mutter dar, was in der Linguistik als Prosodie bezeichnet wird. Die Prosodie schließt all das ein, was die lautlichen Spezifika einer Sprache auszeichnet: Also wann einzelne Silben betont und wann Töne gesenkt und gehoben werden. Auch Sprachtempo und -rhythmus sind entscheidende Faktoren der Prosodie und von Nationalsprache zu Nationalsprache völlig unterschiedlich. Eine Studie der Universität von Lyon aus dem Jahre 2011 hat ergeben, dass Japanisch-Sprechern bezüglich der Sprachgeschwindigkeit niemand etwas vormacht. Sie geben pro Sekunde 7,84 Silben von sich. Knapp dahinter folgt Spanisch (7,82 Silben pro Sekunde). Deutsch landet in dem Vergleich, bei dem insgesamt sieben Sprachen betrachtet wurden, auf dem sechsten Platz (5,97). Noch langsamer ist nur Mandarin (5,18). Diese recht krassen Unterschiede hängen mit der durchschnittlichen Länge einer Silbe zusammen. Im Deutschen haben viele Silben drei Laute, im Japanischen ist diese Zahl oft sehr viel niedriger.

Zurück zum Mutterleib: Dadurch, dass sich das Kind schon hier an eine spezielle Sprachmelodie gewöhnt, reagiert es auf diese nach der Geburt besonders intensiv. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Kind enorme Probleme hätte, wenn es eine andere Muttersprache erlernen müsste. Würde beispielsweise ein wenige Wochen junges Baby aus Japan von einem deutschen Paar adoptiert werden, würde es sich dort zwangsläufig an die andere Sprachmelodie gewöhnen. Erst etwa zehn Monate nach der Geburt macht es im Hirn des Babys (in sprachlicher Hinsicht) „Klick“ und das Kind hat sich endgültig an das Lautsystem der Muttersprache gewöhnt. Verblüffend ist allerdings, dass sich dieses „Klick“ auch auf zwei Ebenen vollziehen kann. Wenn Kinder nämlich zweisprachig aufwachsen, stellt es für sie kein Problem dar, ihr Hirn auf den jeweiligen „Sprachmodus“ einzustellen. Positive Folge: Später fällt es ihnen in der Regel leichter, weitere Fremdsprachen zu erlernen. Auch das Wechseln zwischen zwei Aufgaben ist für solche Kinder meist simpler zu bewerkstelligen als für einsprachig aufgewachsene Menschen.

Spracherwerb: Veranlagung oder das Ergebnis von Geborgenheit?

Seit jeher streiten Sprachwissenschaftler darüber, wie die Aneignung der Muttersprache im Detail abläuft. Die Forschung stößt immer wieder auf neue Erkenntnisse, die die einzelnen Theorien manchmal plausibler erscheinen lassen, sie manchmal aber auch zu entkräften scheinen. In der angewandten Linguistik gibt es drei theoretische Ansätze bezüglich der menschlichen Sprachentwicklung: Das Prinzip des Nativismus, der sozialen Interaktion und der Kognition.

Der Nativismus (vom lateinischen Wort „nativus“, zu Deutsch „angeboren“) geht davon aus, dass dem menschlichen Organismus bestimmte Fertigkeiten von Natur aus gegeben sind. Forscher wie Noam Chomsky oder Steven Pinker (siehe Interview in den Linktipps) vertreten die Ansicht, dass jeder Mensch über einen festgelegten Fundus an (Sprach-)Modulen verfügt. Mit anderen Worten: Nativisten sind fest davon überzeugt, dass in den menschlichen Genen eine Sprachstruktur vorhanden ist, mit deren Hilfe der Spracherwerb überhaupt erst möglich wird.

Anders sieht dies die kognitive Theorie. Die Kognition bezeichnet alle Prozesse, die mit dem Erkennen und Wahrnehmen eines Menschen zusammenhängen. Die kognitive Theorie geht davon aus, dass das Kind von Geburt an auf Sprache empfindlich reagiert. Allerdings ist es bei jedem Kind anders, inwiefern es der Sprache Aufmerksamkeit schenkt und wie intensiv es diese imitiert. Dies bedeutet also, dass es ein Kind beim Spracherwerb nicht zwangsläufig dadurch leichter hat, dass viel mit ihm gesprochen wird. Vielmehr kommt es darauf an, dass die Umgebung an dessen kognitive Bedürfnisse angepasst ist. Das Problem ist allerdings, dass ein wenige Monate altes Kind eben nicht sagen kann, wie diese Umgebung beschaffen sein sollte.

Wie intensiv der Kontakt mit anderen Menschen ist, spielt eine sehr wichtige Rolle bei der sozial-interaktiven Theorie. Anhänger dieser Theorie gehen davon aus, dass die sprachliche Entwicklung bei Kindern aus kleinen Familien generell besser voranschreitet, weil ihnen in der Regel mehr Aufmerksamkeit zukommt, als bei Familien mit sehr vielen Kindern. Wenn sich das Kind in seinem sozialen Umfeld geborgen und sicher fühlt, dann fällt ihm auch der Erwerb der Muttersprache nicht schwer.

Motivation schlägt Methode

Wenn sich Sprachwissenschaftler also mit dem Erwerb der Muttersprache beschäftigen, dann spielen sowohl soziale als auch kognitive und genetische Faktoren eine Rolle. Je nach individueller Sichtweise des Forschers tun sie das mal mehr, mal weniger. Wenn ein Erwachsener oder ein Schulkind eine Fremdsprache erlernen möchte, dann entscheiden aber andere Dinge über den Lernerfolg. Es gibt heute viele Methoden, zwischen denen man wählen kann, wenn man sich eine Fremdsprache aneignen möchte. Es gibt den straighten Frontalunterricht im Klassenzimmer, autodidaktische Programme („Selbststudium“), die Möglichkeit einer Sprachreise und natürlich auch diverse Methoden, bei denen audiovisuelle Medien eine dominante Rolle spielen. Doch es existiert eine Eigenschaft, die unabhängig von der Wahl der Lernmethode vorhanden sein muss, wenn man erfolgreich eine Sprache verinnerlichen möchte: Motivation.

Warum haben Sie eigentlich noch nie darüber nachgedacht, einen Sorbisch-Sprachkurs zu belegen? Vermutlich wird Ihre Reaktion ungefähr lauten: „Wieso denn? Was soll ich mit Sorbisch anfangen? Das brauche ich nicht.“ Genau das ist der springende Punkt: Wir Menschen machen etwas normalerweise nur dann, wenn wir wissen, dass wir daraus einen Nutzen ziehen können. Sorbisch ist eine Minderheitensprache, die ausschließlich in einem kleinen Gebiet in Ostdeutschland (vor allem in Bautzen und Cottbus) gesprochen wird. Einem Großteil aller Menschen auf dieser Welt würde das Beherrschen der sorbischen Sprache demnach keinen Vorteil bringen (die knapp 30.000 Sorbisch-Sprecher mögen die Erwähnung dieses Umstandes dem Autor an dieser Stelle bitte nachsehen, wutšobny źĕk). Ein ähnliches Beispiel: Nur wenige Menschen in Finnland verspüren wahrscheinlich das Verlangen, unbedingt Spanisch lernen zu wollen. Wenn ein Finne jedoch eine Reise nach Spanien plant oder geschäftlich oft mit Menschen zu tun hat, die Spanisch sprechen, dann sehen seine Gedanken bezüglich der spanischen Sprache ganz anders aus. Er ist dann schlichtweg dazu motiviert, Spanisch zu lernen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Schüler lustlos Löcher in die Luft starren, wenn eine Unterrichtsstunde Französisch oder Spanisch ansteht. Mit Überforderung hat das Ganze meist nichts zu tun – vielmehr liegt es am fehlenden Anreiz und auch der Zusammensetzung der Lerninhalte, dass Schüler demotiviert den Klassenraum betreten. Ein Lehrer, der dann auch noch jeden kleinen Fehler umgehend aufgreift, setzt der Demotivation die Krone auf.

Tanzen statt Tadeln: Beim Spracherwerb von anderen Kulturen lernen

Derartige Lernszenarien sind Britta Hufeisen ein Graus. Die Sprachwissenschaftlerin lehrt an der Technischen Universität Darmstadt und engagiert sich am „European Centre for Modern Languages“, einer Einrichtung des Europarates, die einen multilingualen Lernansatz verfolgt. Das Zentrum hat das Ziel „[…]to encourage excellence and innovation in language teaching and to help Europeans learn languages more efficiently.“ („[…]Kompetenzen und Innovation beim Sprachunterricht zu fördern und den Einwohnern Europas zu helfen, Sprachen effizienter lernen zu können.“). Hufeisen selbst spricht neben ihrer deutschen Muttersprache Schwedisch, Englisch und Französisch. Wenn sie an ihre eigene Schulzeit zurückdenkt, dann war damals vor allen Dingen Auswendiglernen angesagt. Das ist natürlich alles andere als kreativ und schon gar nicht motivierend. Hufeisen ist der Meinung, dass Kinder eine Sprache vielmehr ganzheitlich kennenlernen sollten. Sie verweist auf eine Art von Unterricht, die vor allem in Afrika weit verbreitet ist. Dort sei das Lernen oft von sehr viel Dynamik geprägt, es wird geklatscht, gesungen, getanzt. Aus dem Erlernen einer Sprache wird auf diese Weise ein Spiel – logisch, dass afrikanische Kinder mit einer ganz anderen Einstellung am Fremdsprachen-Unterricht teilnehmen als ihre Altersgenossen in Deutschland.

Eintauchen statt Aufgeben: Hinein ins alltägliche Sprachenmeer

Wie bereits erwähnt, nehmen Babys nicht bewusst war, dass sie konstant damit beschäftigt sind, sich eine Sprache anzueignen. Ähnlich verhält es sich bei älteren Kindern, die beispielsweise mit ihren Eltern in ein anderes Land ausgewandert sind, und die Sprache nun im Alltag beim Spielen mit anderen Kindern erlernen. Sie tauchen gewissermaßen in die neue Sprache ein, bis sie sich in diesem „Sprachenmeer“ irgendwann so sicher fühlen, dass sie die Sprache perfekt beherrschen. In Fachkreisen wird dies als sogenannte „Immersion“ (vom lateinischen „immersio“, also der „Eintauchung“) bezeichnet. Den Erfolg dieses Prinzips kann jeder bestätigen, der schon mal die Steuerung eines komplexen Videospiels gemeistert hat. Anfangs weiß man nicht, welche Tastenkombinationen welche Auswirkungen haben und schaut häufig ins Handbuch. Irgendwann gehen diese Mechanismen aber in Fleisch und Blut über. Der Übersteiger-Trick beim Spielen von „Pro Evolution Soccer“ oder die ultimative Schlagkombo bei einem „Street Fighter“-Duell gehen nahezu automatisch von der Hand.

Viele Erwachsene und Jugendliche wollen dieses „Eintauchen“ in eine Fremdsprache aber gar nicht zulassen. Sie sind (vielleicht auch aufgrund von Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit) so sehr auf grammatische Regeln, Verbtabellen & Co. fixiert, dass sie meinen, Sprachen könnten nur mittels der klassischen Lernmethode erlernt werden. Natürlich kann es beim Erlernen einer Fremdsprache auch nicht schaden, sich intensiver mit Lehrbüchern auseinanderzusetzen, wenn man merkt, dass man mit einer bestimmten Sache Probleme hat. Zum Beispiel beim Konjugieren von unregelmäßigen Verben oder wenn man verschiedene Zeitformen durcheinanderbringt. Wer es diesbezüglich übertreibt, wird aber höchstwahrscheinlich eine negative Assoziation zu Situationen entwickeln, in denen die Lehrbücher auf dem Tisch landen. Die bereits thematisierte Demotivation ist die Folge: Man lässt die Lerneinheiten schleifen und gibt es schließlich ganz auf. Vor allem Menschen, die Sprachen autodidaktisch lernen möchten, haben mit dieser Art von Problem zu kämpfen. Denn der einzige, der darüber entscheidet, wann und wie gelernt wird, ist man selbst. Hier kommt es explizit auf den eigenen Charakter an: Wie viel kann ich mir zumuten, wie viel sollte ich mir zumuten? Ehrgeizige Menschen mit einem hohen Maß an Selbstdisziplin haben hier einen klaren Vorteil. Wer jedoch dazu neigt, eine „Dann lern ich halt morgen!“-Mentalität an den Tag zu legen, wird die Lehrbücher früher oder später links liegen lassen.

Die vier Lerntypen – gerne auch als Cocktail

Von der Vorbereitung auf Klausuren in der Schule oder dem Studium wird es jeder (noch) kennen: Irgendwann entwickelt man ein eigenes System, mit dessen Hilfe man relevante Lerninhalte am besten verinnerlicht. In der Wissenschaft unterscheidet man zwischen vier Haupt-Lerntypen:

Visuell: Dieser Lerntyp verinnerlicht Dinge am besten, indem er sich Texte oder Stichwortlisten anschaut. Meist tut er das gleich mehrfach hintereinander. Gerne erweitert dieser Lerntyp seine Texte um Grafiken oder Illustrationen. Für andere Lerntypen mag es nicht nachvollziehbar sein, aber visuellen Lernern hilft es tatsächlich, sich beim Abrufen des Gelernten daran zu erinnern, neben welcher Grafik die gesuchte Vokabel denn doch gleich stand oder mit welcher Farbe sie unterstrichen war.

Auditiv: Anderen zuhören oder den Lernstoff selbst aufsagen, davon profitieren auditiv veranlagte Personen am meisten. Viele Menschen dieser Lerngruppe sprechen Sätze in der Fremdsprache ein und transferieren diese als Audiodatei auf einen Mp3-Player. Anschließend hören sie sich das Aufgesagte wieder und wieder an, etwa beim Spazierengehen oder abends im Bett.

Motorik: Der motorische Lerntyp will Eindrücke nicht bloß auf sich wirken lassen. Er möchte selbst aktiv sein, denn es hilft ihm enorm, wenn er beim Lernen Gesten macht, indem er beispielsweise auf ein Flipchart mit einzelnen Stichworten deutet. Auch simples hin und hergehen während des Verinnerlichens der Lerninhalte trägt bei ihm zum Lernerfolg bei.

Kognition: Der Begriff Kognition leitet sich vom lateinischen „cognitio“ ab, was so viel wie wahrnehmen/erkennen bedeutet. Der kognitive Lernstil gilt als der klassische Weg, um sich Wissen anzueignen. Gedankliche Konzentration und Auswendiglernen sind hierbei die Kernfaktoren.

Bezüglich des Lernens gilt demnach: Je besser man sich selbst kennt, desto leichter fällt einem auch das Lernen von Fremdsprachen. Wer sich Vokabeln am besten einprägen kann, indem er sie sich selbst immer wieder vorsagt, sollte nicht dazu gezwungen werden, sich die Begriffe durch das Niederschreiben in ein Vokabelheft merken zu müssen. Ein Großteil der Menschen lässt sich nicht einem bestimmten Lerntypen zuordnen, sondern lernt am besten, indem eine Mischung aus mehreren Stilen angewandt wird. Ein typisches Beispiel: Erst werden die fremdsprachigen Vokabeln aufgeschrieben. Dann sagt man sie sich laut vor, während man ein wenig im Garten herumläuft. Praktisch sind in diesem Zusammenhang auch Rollenspiele. Wenn der Lernende etwa den Part eines Lehrers einnimmt und die Lerninhalte einem Publikum präsentiert, während er mit einem Zeigestock gestikuliert und auf einer Tafel schreibt, fällt ihm das Lernen als motorisch-kognitiver Typ leicht.

Wenn Napoleon und Marie Curie zusammen lernen

Unternehmen, die Fremdsprachenkurse anbieten, haben diese Entwicklungen aus der Forschung erkannt. Lernwilligen eröffnet sich heute daher ein buntes Potpourri an Lernmethoden unter professioneller Anleitung. Die „Alpha-Methode“, „blended learning“ oder „multimedialer Wissenserwerb“ sind in diesem Zusammenhang Schlagworte, mit denen Anbieter (sicherlich auch aus Präferenz wohlklingender Marketingbegriffe) gerne hantieren. Gleichermaßen erkennen erwachsene Lernwillige, die jahrelang von konservativen Methoden überzeugt waren, dass ein Schuss spielerischer Abwechslung dem Lernerfolg selbst im hohen Alter förderlich ist. Aber wie genau werden diese Faktoren integriert?

Bei einem Alpha-Sprachkurs erfahren die Teilnehmer einen penibel aufbereiteten „Lern-Mix“. Eine Kurssitzung kann beispielsweise damit starten, dass sich die Teilnehmer innerhalb eines Rollenspiels gegenseitig vorstellen. Ist Französisch die Lernsprache, besteht die Runde dann aus solch illustren Namen wie Marie Curie, Napoleon Bonaparte und Jean Cocteau. Das schweißt die einzelnen Teilnehmer zusammen, lockert die Stimmung und auch die Zunge. Im Hintergrund läuft klassische Musik. Tauchen neue Vokabeln auf, präsentiert der Kursleiter diese direkt über einen Beamer visuell auf einer Leinwand. Anschließend werden die Vokabeln von der Gruppe gemeinsam und laut vorgelesen – alle ziehen an einem (Sprach-)Strang. Ein Detail, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, allerdings dafür sorgt, dass sich Ausdrücke viel leichter einprägen, ist zudem das richtige „Einbetten“. Konkret heißt das, dass die Teilnehmer neue Vokabeln direkt in einen typischen Kontext packen, damit sie sich leichter im Gedächtnis festsetzen. Das französische Verb „boire“ („trinken“) wird daher nicht als einzelner Begriff gelernt, sondern als Phrase „boire à la bouteille“ („aus der Flasche trinken“). Netter Nebeneffekt: Das Gedächtnis speichert gleich mehrere Begriffe ab, in diesem Fall ein zusätzliches Substantiv.

Jedem engagierten Sprachfreund sollte aber auch klar sein: Solche Intensivkurse haben einen vergleichsweise hohen Preis. Mehrere hundert Euro sind die Regel. Wenn zudem eine Sprachreise im Paket enthalten ist, sind Preise ab 1500 Euro keine Seltenheit. Wer Zeit und Engagement mitbringt, aber nicht derartige Summen ausgeben möchte, findet im Internet Angebote für interaktive Sprachkurse. Viele Dienstleister bieten derartige Services für etwa zehn bis zwanzig Euro pro Monat an, manchmal sogar kostenlos. Nachteil: Man ist größtenteils auf sich allein gestellt und sollte dazu im Stande sein, sich selbst zum Lernen aufzuraffen. Viele Unternehmen bieten es zwar an, dass man per Mail von einem Sprachtrainer begleitet wird. Doch wenn man schriftlich von einer Person zum Lernen angetrieben wird, die man persönlich noch nie getroffen hat, geht man damit logischerweise anders um, als mit Face-to-Face-Feedback bei einem 400-Euro-Italienischkurs.

Von der Kunst, sich bewusst selbst auszutricksen

Warum nicht einfach mal die Website einer fremdsprachigen Online-Zeitung besuchen, anstatt die des deutschsprachigen Favoriten? Sofern die Artikel noch zu komplex sind, weil man die Sprache erst seit Kurzem lernt, sollte man sich auch nicht zu schade sein, Webseiten für Kinder zu besuchen. Sätze sind hier meist viel kürzer aufgebaut und verwenden keine Fachbegriffe. Wer mit seinen Fremdsprachenkenntnissen schon etwas weiter ist, schaut sich in der örtlichen Bibliothek einfach mal in der Fremdsprachen-Abteilung um. Den Lieblings-Roman gibt es bestimmt auch auf Französisch, Spanisch oder Italienisch. Und ließ sich beim kürzlich durchgespielten Videospiel nicht auch die Textsprache ändern? Nicht zuletzt der vermutlich beliebteste Kniff für mehr Fremdsprache im Alltag: Einfach mal die Sprache beim Schauen der Lieblingsserie umstellen. Deutsche Untertitel sind allerdings nicht erlaubt, denn dann ist der Lerneffekt gleich Null. Wenn es denn Untertitel sein sollen, dann in der betreffenden Fremdsprache.

Außerdem sollte man sich immer wieder klar machen: Fehler sind absolut menschlich und unterlaufen selbst den erfahrensten Sprachgenies. Ein gesundes Maß an Ehrgeiz ist also in jedem Falle löblich, wer es damit aber übertreibt, steuert dem Demotivations-Tod entgegen. Und das wäre angesichts der Tatsache, dass Sprachen unsere kognitiven Grenzen erweitern, doch einfach schade. Auch nach dem Fall der Berliner Mauer kam es zu politischen und zwischenmenschlichen Differenzen. Das hat Deutschland aber nicht davon abgehalten, sich zu dem vielschichtigen und multikulturellen Land zu entwickeln, das es heute ist.

Autor: Niklas Nowak

Zum Weiterlesen

Video mit Manfred Spitzer über Mehrsprachigkeit – https://www.youtube.com/watch?v=c3VxImJBMcY

Bericht der „Welt“ über die Sprechgeschwindigkeits-Studie der Universität von Lyon – http://www.welt.de/wissenschaft/article13671839/Andere-Sprachen-sind-viel-effizienter-als-Deutsch.html

Der „Focus“ über mehrsprachige Erziehung bei Kindern – http://www.focus.de/familie/wissenstest/lernatlas/fremdsprachen/wie-mehrsprachige-erziehung-gelingt-mehrsprachigkeit-macht-das-gehirn-flexibel_id_3077262.html

„Zeit Wissen“ über den Spracherwerb von Kinder – http://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/01/Spacherwerb_Titel.xml

Interview der „Zeit“ mit dem Kognitions-Psychologen Steven Pinker – http://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/01/Pinker_Interview.xml

Dokument der Universität Kiel über Voraussetzungen bei der Sprachentwicklung – http://www.psychpaed.uni-kiel.de/freedownloads/zaunbauer/dezember/03_Sprachentwicklungsvoraussetzungen.pdf

Informations-Website des European Centre for Modern Languages – http://www.ecml.at/Aboutus/tabid/118/language/en-GB/Default.aspx

Die „Welt“ über Erfolg/Misserfolg beim Erlernen von Fremdsprachen – http://www.welt.de/wissenschaft/article113142820/So-lernen-Sie-schnell-eine-Fremdsprache.html