Sprachunfälle: von kurios bis Krieg

Sprachunfälle: von kurios bis Krieg

Neben Tuk-Tuks, gegrillten Mehlwürmern und billigem Bier gehören sie zu jeder Südostasienreise dazu: Chinglishs. Das linguistische Phänomen beschreibt Fehler beim Übersetzen vornehmlich asiatischer Wörter und Phrasen ins Englische. Besonders deutlich wird das im Heiligtum asiatischer Länder: der Küche. In eingedeutschten, dem westlichen Gaumen angepassten Fusion-Küchen mit Namen wie Rosengarten oder Lotusblüte hilft sich der gemeine Restaurantbesitzer zumeist mit Mathematik: er setzt vor die meist über 100 Gerichte auf der Karte einfach Zahlen. So wird die Miso-Suppe kurzerhand zur „Nummer 5“ und die gebackenen Wan-Tan zur „Nummer 12“. Die Idee, Nummern für Gerichte einzuführen war ein Fortschritt, jedoch leider kein Allheilmittel für potentielle Sprachunfälle.

Die Nummer 5 und die Nummer 12 sind Teil des Selbstverständnisses asiatischer Auswanderer geworden, die in Deutschland eine zweite Heimat gefunden haben. In den Straßen Bangkoks, Hongkongs und Seouls hingegen reichen die angepriesenen Speisen von „Half Grilled Chicken with Herpes“  bis zu „Smell of urine noodels with Vegetables“. Diese Sprachunfälle erfreuen sich bei Backpackern vor Ort und der Internetgemeinde zuhause großer Beliebtheit und sorgen für Schmunzeln, freilich auf Kosten der chinesischen, thailändischen und vietnamesischen Mitbürger.

Fehler beim Übersetzen fallen jedoch bei Weitem nicht immer so glimpflich aus. Sie haben gar die Macht, den Gang der Geschichte entscheidend zu beeinflussen. Der wohl bekannteste und zugleich auch fatalste Übersetzungsfehler wurde Ende Juli 1945 begangen. Folgendes hat sich gegen Kriegsende zugetragen: Die alliierten Streitkräfte unter Führung der USA, Großbritanniens und Chinas veröffentlichten am 26. Juli 1945 die Potsdamer Erklärung, die ultimative Aufforderung an Japan, die Waffen zu strecken und den Krieg durch Verhandlungen zum Ende zu bringen.

Das Schicksalswort „Mokusatsu“ als Ursache für den nuklearen Tod Tausender?

Zwei Tage später folgte die Antwort der japanischen Regierung, übermittelt durch japanische Zeitungen: Die Potsdamer Erklärung werde zurückgewiesen, gar abgeschmettert. So interpretierten Übersetzer in Diensten der alliierten Streitmächte die Antwort des japanischen Premierministers Kantaro Suzuki auf die extremste Weise. Suzuki verwendete in seiner Antwort das japanische Schicksalswort „Mokusatsu“, was als „das Ultimatum schweigend entgegennehmen“ interpretiert werden kann. Die Alliierten übersetzten es mit „ignorieren“ und schlussfolgerten daraus, das unterlegene Japan weigere sich, den Forderungen der Alliierten stattzugeben.

10 Tage später, am 6. August warf ein amerikanischer Bomber die erste Atombombe auf Hiroshima ab. Über 70.000 Menschen waren sofort tot. Noch heute wird darüber gestritten, ob Suzuki die falsche Wortwahl traf oder der Fehler auf Seiten der Alliierten gemacht wurde. Sicher ist nur, dass an dem wohl dunkelsten Tag der Menschheitsgeschichte tausende Menschen den Tod fanden.

Die Folgen von Übersetzungsfehlern könnten nicht weiter auseinander liegen…