It’s a crazy wor(l)d: Die verrücktesten Sprachen der Welt – und warum sie es überhaupt sind

It's a crazy wor(l)d: Die verrücktesten Sprachen der Welt – und warum sie es überhaupt sind

Tuvan. Wolof. Zazaki. – Schon einmal gehört? Bei Tuvan, Wolof und Zazaki handelt es sich um Sprachen. Tuvan (alternativ auch als Tuwinisch bezeichnet) wird von knapp 200.000 Nomaden gesprochen, die in Südsibirien und der Mongolei umherwandern. Wolof zählt zu den Niger-Kongo-Sprachen. Mehr als drei Millionen Menschen in Westafrika (vor allem im Senegal) beherrschen diesen Sprach-Exoten. Zazaki ist hingegen die Volkssprache der sogenannten Zaza, die im Osten der Türkei eine Sprachgemeinde von etwa zwei bis drei Millionen Menschen stellen. Unser Exoten-Trio stellt damit unter Beweis, dass das „skurrile Flair“ einer Sprache nicht an ein bestimmtes Gebiet gebunden ist. Wir finden es sowohl im Senegal, wo die Temperaturen selbst im Winter bei über 20 Grad Celsius liegen, als auch in Sibirien, wo das Thermometer nachts durchaus Werte von minus 70 Grad anzeigt.

Doch trotz dieser Einsicht zeigen die drei Sprachbeispiele auch, dass es sehr schwer fällt, eine Sprache aus einem objektiven Standpunkt heraus als „verrückt“ zu bezeichnen. Denn trotz aller Neutralität schafft es kein Mensch, subjektive Assoziationen komplett zu unterdrücken – weder der interessierte Laie noch der promovierte Interlinguist. Worte wie Wolof und Zazaki klingen vielleicht für Menschen aus Westeuropa und dem angloamerikanischen Raum merkwürdig. Auf einen Nigerianer hingegen mag Wolof vielleicht wirken, wie der Eindruck, den ein deutscher Muttersprachler hat, wenn er jemanden Niederländisch sprechen hört. Landessprachen müssen aber nicht (nur) geografisch weit voneinander entfernt gesprochen werden, um in den Ohren einer Bevölkerung merkwürdig zu klingen. Denn wenn ein Italiener Wörter wie „Münzeinwurfschlitz“ oder „Schweinsteiger“ nachsprechen soll, besteht akute Verrenkungsgefahr für dessen Zunge. Eine Sprache als verrückt bezeichnen zu dürfen, sollte also nicht so vorschnell entschieden werden, wie es die eigene Sichtweise als legitim erscheinen lässt.

Was macht eine Sprache zu einer „verrückten“ Sprache?

Ist eine Sprache verrückt, die lediglich einen merkwürdigen Titel trägt? Ist sie dann übermäßig verrückt, wenn sie von einer derart kleinen Kommune gesprochen wird, dass sie mehr Geheimsprache als Allgemeingut ist? Möglicherweise steht sie gar kurz davor, komplett auszusterben? Liegt Skurrilität der Aussprache zugrunde? Oder ist es vielleicht doch ihre optische Struktur, also die Art und Anzahl der Schriftzeichen, derer man sich beim Schreiben bedient? Die Möglichkeiten sind ohne Zweifel vielfältig. Das hat Sprachwissenschaftler aber nicht davon abgehalten, zu versuchen, die besonders verrückten Sprachen aus dem Gros des internationalen Sprachbouquets zu bestimmen.

Für medial große Aufmerksamkeit sorgte zuletzt eine Studie der US-Agentur idibon. Laut eigenen Angaben hat es sich die Agentur zur Aufgabe gemacht, Unternehmen dabei zu unterstützen, deren „language data“ besser verstehen zu können. Dafür wertet idibon all das aus, was im sprachlichen Sinne mit dem Unternehmen zu tun hat: E-Mails, Posts in sozialen Netzwerken, intern ausgetauschte „instant messages“ etc. Auf diese Weise will idibon „strukturierte Antworten darauf geben, wie Schlüsselfragen bezüglich der ‚business intelligence’“ gelöst werden können. Mit anderen Worten: Die Agentur schließt durch das Verarbeiten der jeweiligen Unternehmenskommunikation darauf, in welchen kommunikativen Bereichen Nachholbedarf besteht.

Die Studie von idibon stieß demnach vor allem deshalb auf große Aufmerksamkeit, weil die Agentur über weitreichende Kenntnis bezüglich Kommunikation und Datenverarbeitung verfügt. Und das eben nicht nur innerhalb eines bestimmten Wirtschaftsraumes.

Sprachen vergleichen und analysieren – aber wie?

Aber selbst der größte Berg an Daten nützt nichts, wenn man keine Methode besitzt, mit der man diesen sinnvoll auswerten kann. Zunächst musste man also festlegen, wie sich Skurrilität (in der englischen Sprache gibt es dafür den schönen Ausdruck „weirdness“, dessen sich auch die idibon-Studie bedient) bei Sprachen überhaupt äußert und wie man diese am besten bestimmt. Normalerweise, so der online einsehbare Begleittext zur Studie, bedienen sich Linguisten dem sogenannten „Natural Language Processing“ (NLP), wenn sie eine Sprache untersuchen. Kurz und knapp zusammengefasst ermittelt man per NLP bestimmte Sprachmuster. Das Problem mit NLP sei aber, dass es sich stark auf die englische Sprache konzentriert. Denn ein Großteil der Sprachdaten im World Wide Web liegt nun mal auf Englisch vor. Würde man also NLP zum internationalen Sprachvergleich nutzen, stünden die Datenmengen der Sprachen, derer man sich zwecks Analyse bedient, in keinem „gerechten“ Verhältnis.

Noch spezieller als der deutsche Genitiv: Sprachen im WALS

Daher stützte man sich lieber auf den online verfügbaren WALS, den „World Atlas of Language Structure“ (zu Deutsch „Weltatlas des Sprachaufbaus“). Was macht dieser Atlas? Nun, er enthält Daten zu nicht weniger als 2676 Sprachen. Jede von diesen Sprachen bewertet er nach insgesamt 192 verschiedenen Kriterien. Wodurch zeichnet sich die Aussprache aus? Wie sind Silben angeordnet? Wie viele Kasus existieren? Wie viele Geschlechter gibt es? Der Datenfundus des Atlas ist für jeden Internetnutzer frei einsehbar. Die verschiedenen Kriterien können in Form von Sprachlisten angezeigt und gefiltert werden. Wer diese durchstöbern möchte und ein wenig Muße mitbringt, kann hier stundenlang Vergleiche anstellen, die schier unglaubliche Ergebnisse zu Tage fördern.

Natürlich sollte der Umfang der zu vergleichenden Sprachen sehr groß sein. Dennoch nahm man bestimmte Beschränkungen vor, damit das Vergleichen nicht zu unübersichtlich und kompliziert wurde. Dieses Prozedere im Detail zu erklären, wäre an dieser Stelle nicht weniger kompliziert – und vor allem langweilig –, sodass sich zusammengefasst festhalten lässt: idibon wertete für die Studie insgesamt 1693 Sprachen mittels 21 Kriterien aus, um für jede Sprache einen „weirdness“-Wert zu bestimmen. Welche Sprache darf sich also nun mit dem inoffiziellen Titel „Verrückteste Sprache der Welt“ rühmen?

Skurriles aus Mexiko

Platz eins nimmt eine Sprache ein, die klingt, als stehe sie in jeder südamerikanischen Cocktail-Bar auf der Getränkekarte: „Chalcatongo Mixtec“. Tatsächlich ist Chalcatongo eine Volkssprache, die von nur noch knapp 6000 Menschen im mexikanischen Oaxaca gesprochen wird. Die Silbermedaille geht an die sibirische Sprache „Nenets“, die von immerhin 22.000 Menschen beherrscht wird. Die Bronzemedaille darf sich „Choctaw“ umhängen. Etwa 10.000 indianische Ureinwohner, die im US-amerikanischen Bundesstaat Oklahoma ansässig sind, kommunizieren auf Choctaw. Wer aber nun aus der Besetzung des Siegertreppchens den Schluss zieht, dass allein Sprachen mit vergleichsweise kleinen Sprachgemeinden einen Hang zur Skurrilität haben, der irrt sich gewaltig.

Deutsch: Bieder und bürokratisch – oder doch verrückt?

Deutsch rangiert im idibon-Vergleich auf dem zehnten Platz. Es mutet für viele wahrscheinlich skurril an, dass Deutsch eine derart hohe Skurrilität bescheinigt wird. Schließlich basiert der deutsche Satzbau doch auf dem „Subjekt-Verb-Objekt“-Schema (SVO), das gemeinhin als „vernünftige“ Satzordnung angesehen wird. 35,5 Prozent der verglichenen Sprachen setzen auf SVO, 41 Prozent bedienen sich allerdings des Schemas „Subjekt-Objekt-Verb“. Schon in dieser wichtigen Kategorie zählt Deutsch also nicht zu der „normalen“ bzw. dominierenden Gruppe. In einigen weiteren Schlüssel-Kategorien hebt sich Deutsch hervor. Man betrachte nur mal die Sprachen, in denen Substantive groß geschrieben werden. Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch und viele weitere Nationalsprachen verzichten auf diese Konvention. Deutsch nicht. Und auch Umlaute wie „ö“ und „ä“ sucht man in vielen Sprachen vergeblich. Zählt man nun noch hinzu, dass Deutsch auch im Bereich der Wortstellung bei der Verneinung („Order of Negative Morpheme and Verb“, wie es im WALS offiziell heißt) einer Minderheitengruppe von gerade mal 22 Sprachen angehört, erscheint Rang zehn plötzlich nicht mehr allzu überraschend. Englisch nimmt übrigens Platz 33 ein, und ist damit alles andere als eine der Sprachen, die im Sinne der Studie als weitestgehend frei von Verrücktheiten gelten. Am unteren Ende der Skala haben sich andere Sprachen eingenistet.

„Wir sind ’normal’“: Das andere Ende der Sprach-Skala

Wenn wir den „Sprach-Spieß“ umdrehen, erkennen wir schnell, dass unser westeuropäisches Sprachverständnis bei Weitem nicht so objektiv ist, wie man aus unbedarfter Laien-Sicht meint. Der Satz „Szükségem van egy orvosra.“ dürfte weder deutschen noch französischen oder englischen Muttersprachlern leicht über die Lippen gehen. Fakt ist aber, dass er eine der am wenigsten merkwürdigen Sprachen der Welt repräsentiert, nämlich Ungarisch. Für alle Neugierigen: Übersetzt ins Deutsche lautet der angeführte Beispielsatz „Ich brauche einen Arzt.“. Damit ist das Vorurteil, die Sprache der Magyaren sei eine der komischsten Sprachen überhaupt, eindeutig aus der Welt geschafft. In die Gruppe der Sprachen, die auf Grundlage der Studien-Ergebnisse ebenfalls wenige Merkwürdigkeiten verzeichnen, reihen sich mit „Chamorro“ (gesprochen von knapp 100.000 Menschen auf der Insel Guam im Westpazifik) und „Purépecha“ (55.000 Sprecher in Südamerika, ein Großteil davon in Mexiko) auch zwei Sprachen ein, von denen die breite Masse noch nie etwas gehört haben dürfte.

Entstanden, um genutzt zu werden

Nicht jeder ist solch ein Sprachgenie wie die Deutsche Sara Kredel, die 2012 den Übersetzerwettbewerb „Juvenes Translatores“ der EU-Kommission gewann. Sie beherrscht natürlich Deutsch, Englisch, Französisch, Ungarisch, Spanisch und Japanisch. Dadurch kann sie sich in vielen Teilen der Erde sehr gut verständigen und zwischen den Besonderheiten der verschiedenen Sprachen flexibel hin- und herwechseln. Sollte da überhaupt noch ein Anreiz bestehen, eine vergleichsweise unbedeutende Sprache mit Skurrilitäts-Bonus zu erlernen? Das dürften viele Menschen mit einem klaren „Nein“ beantworten. Doch würde unserem Planeten eindeutig etwas fehlen, würde er nicht derart viele National-, Volks- und Dialektsprachen beherbergen. Sprache ist nämlich nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch ein kulturelles Identifikationsinstrument. Das ist umso mehr der Fall, wenn sich die Sprache durch Besonderheiten hervorhebt. Das solche Exoten auch in Zukunft weiterhin aussterben werden, ist traurig, aber angesichts der weitreichenden und somit konstant verändernden Sprachinfrastruktur nicht aufzuhalten. Es bedarf dem Einsatz engagierter Einzelpersonen und Kleingruppen, damit all die kleinen skurrilen Sprachen wenigstens auf dem Papier bzw. im World Wide Web in Erinnerung bleiben. Denn selbst die noch so ungewöhnliche Sprache ist irgendwann in der Vergangenheit aus einem ganz bestimmten Grund entstanden: um gesprochen zu werden.


Quellen:

n-tv. Experten küren verrückteste Sprachen. URL: http://www.n-tv.de/wissen/Hindi-ist-total-normal-article10941221.html (Stand 26.08.2015)

Unicum. Abgedrehte Kurse: Spreche lieber ungewöhnlich. URL: http://www.unicum.de/studienzeit/rund-ums-studium/allgemein/abgedrehte-kurse-spreche-lieber-ungewoehnlich/ (Stand 26.08.2015)

Deutschlandfunk. Spezielle Köder für seltene Sprachen. URL: http://www.deutschlandfunk.de/spezielle-koeder-fuer-seltene-sprachen.680.de.html?dram:article_id=215408 (Stand 26.08.2015)

Touring Afrika. Verrückte Nachricht aus Afrika: Elefanten können menschliche Sprachen unterscheiden. URL: http://www.touring-afrika.de/afrika-blog/verrueckte-nachricht-aus-afrika-elefanten-koennen-menschliche-sprachen-unterscheiden-67587/ (Stand 26.08.2015)

idibon. The weirdest languages, URL: http://idibon.com/the-weirdest-languages/ (Stand 26.08.2015)

idibon. Mission Statement, URL: http://idibon.com/about/ (Stand 26.08.2015)

idibon. Weirdness index values full list, URL: idibon.com/wp-content/uploads/2013/06/Weirdness_index_values_full_list.xlsx (Stand 26.08.2015)

The World Atlas of Language Structures Online, Welcome to WALS Online, URL: http://wals.info/ (Stand 26.08.2015)

GENIOS. Sara Kredel ist ein Sprachgenie, URL: http://www.genios.de/presse-archiv/artikel/DECH/20120403/sara-kredel-ist-ein-sprachgenie/2012118054423.html (Stand 26.08.2015)