Weltsprache Englisch: Geliebt, verhasst, allgegenwärtig

Weltsprache Englisch: Geliebt, verhasst, allgegenwärtig

Hätte die englische Sprache eine eigene Facebook-Seite, dann wäre ihre Freundesliste verdammt lang. Die ganze Welt spricht – und schreibt – Englisch. Längst sind es nicht mehr nur die, die Englisch als Muttersprache erlernen oder im Bereich der Sprachwissenschaften tätig sind. Wir sind nahezu konstant von englischsprachigen Musiktexten umgeben, die aus dem Radio schallen. Wir bestellen in der Mittagspause einen „Hotdog“ (der Duden empfiehlt „Hotdog“, erlaubt aber auch das originäre „Hot Dog“). Danach „checken“ wir auf unseren „Smartphones“ unser „E-Mail“-Postfach oder schauen nach, ob es ein paar neue brauchbare „Apps“ gibt. Und beim Einrichten eines neuen Telefonanschlusses bestehen wird darauf, dass wir gratis einen „Router“ dazubekommen, damit sich die gebuchte „Flatrate“ komfortabel nutzen lässt.

Viele Menschen benutzen diese Anglizismen bereits selbstverständlich. Mindestens genauso viele verabscheuen sie aber auch. Daher lässt sich festhalten: Die englische Sprache polarisiert. Aber wie konnte es dazu kommen, dass in nahezu jedem Winkel der Welt eine Sprache verstanden wird, die im späten Mittelalter gerade mal sieben Millionen Muttersprachler auf einer nordeuropäischen Insel gebrauchten? Was ist mit einem Begriff wie „McDonaldization“ gemeint? Und welche Rolle spielt Englisch in anderen europäischen Ländern heute?

Den Begriff „Geschichte“ mögen viele Menschen mit verstaubten Büchern in der dunklen Ecke einer Bibliothek verbinden. Bezüglich der englischen Sprache sei jedoch selbst Geschichts-Muffeln versichert, dass diese Geschichte alles andere als langweilig ist. Es geht um den Aufbau und den Zerfall eines Weltreiches, dem „British Empire“ (BE). Es geht um die Verschiffung von Millionen von Sklaven und um die Entdeckung von Ländern wie Australien und den USA. Letzteres ist dafür verantwortlich, dass Englisch auch nach dem Zerfall des BE seinen Status behielt, gewissermaßen sogar verbesserte. Und es geht natürlich auch um aktuelle Sachverhalte, vor allen Dingen im medialen Bereich. Dass englische Bücher übersetzt und die neuesten Blockbuster aus Hollywood für den jeweiligen Markt synchronisiert werden müssen, hat ganze Branchen entstehen lassen.

Die Anfänge der Weltsprache

Beginnen wollen wir unsere Sprachreise im Jahr 1558. Das ist das Jahr, in dem Königin Elizabeth I. den Thron von England bestieg und ihn bis 1603 auch nicht wieder hergeben sollte. Und wie Monarchen und Monarchinnen nun mal veranlagt sind, wollte auch Elizabeth…mehr. Mehr Land. Mehr Reichtum. Mehr Macht. Wie erreicht man das? Klar: Durch die Gründung von Siedlungen in Gebieten, in denen noch niemand das Sagen hat. Vor allem die Spanier und die Portugiesen waren in dieser Disziplin ganz vorne mit dabei. 1585 stach daher ein Schiff in See, das auf einer Insel an der Ostküste der heutigen USA den ersten Schritt Richtung „Nordamerika gehört England“ ebnen sollte. Mit zunächst niederschmetterndem Ergebnis. Als zwei Jahre später ein Versorgungsschiff auf der Insel eintraf, waren die knapp 100 Siedler wie vom Erdboden verschluckt. 1607 hatten die Briten (England war mittlerweile mit Schottland zu Großbritannien vereint) mehr Glück. Ein Trupp engagierter Kaufleute gründete auf dem nordamerikanischen Festland die Siedlungsgemeinschaft Virginia (heute ein US-Bundesstaat). Rasch ging es dort bergauf: 1624 zählte Virginia 1200 Einwohner, 1660 waren es schon 25.000. Das Unternehmen British Empire war ins Rollen gekommen.

Daraufhin kam Großbritannien auf den „Kolonial-Geschmack“. In Mittelamerika nahm man Jamaika und die Bahamas für sich in Anspruch, in Afrika wurden unter anderem der Sudan, Ägypten, Uganda und Westafrika (heutiges Nigeria) eingenommen. Thomas Cook nahm am anderen Ende der Welt zwei Regionen in Beschlag, die schon bald als Neuseeland und Australien firmieren sollten. Aber Großbritannien wollte nicht nur mehr Land, sondern auch mehr Reichtum. Den sollte intensive Landwirtschaft bringen, damit man Gewürze, Baumwolle, Früchte & Co. in die ganze Welt verschiffen konnte. Daher baute sich Großbritannien seine ganz eigene Infrastruktur über dem Atlantik auf. Sklaven aus Afrika wurden zunächst zur Erntearbeit nach Amerika gebracht. Mit den Rohstoffen ging es dann weiter nach Europa. Diese wurden hier entweder direkt verkauft oder weiterverarbeitet – beispielsweise zu Kleidung oder den noch heute in England so beliebten Teemischungen. Insgesamt wurden zwischen den Regionen des British Empire knapp 3,5 Millionen Sklaven transportiert, gut ein Drittel der Gesamtmenge an Sklaven, die damals über den Atlantik verschifft wurden.

„Stars & stripes“ statt Union Jack

Also alles in Butter für die Queen (manchmal auch den King)? Nicht wirklich. 1776 war die Zahl der Kolonien in Nordamerika bereits auf 13 angewachsen. Und diese 13 Gebiete wollten sich vom Mutterland nicht mehr herumkommandieren lassen und steuerlich zur Kasse gebeten werden. Der „Decleration of Independence“ sollte ein blutiger Krieg und kurze Zeit darauf die offizielle Gründung der United States of America folgen. Zwar erhielt Großbritannien den Teil einer weiter nördlich gelegenen Kolonie Frankreichs (heute bekannt als Kanada) und intensivierte seine Kolonialbemühungen in Asien. Doch durch die Abspaltung der USA, die noch nicht mal ansatzweise so groß waren, wie sie noch werden sollten, und die Abschaffung der Sklaverei Mitte des 19. Jahrhunderts, kamen erste Risse ins Mauerwerk des British Empire. Nach Ende des Ersten Weltkrieges entstanden immer mehr sogenannte Dominions. Das waren Länder, die zwar noch zum British Empire dazugehörten, sich de facto aber selbst verwalteten. Die Schäden, die der Zweite Weltkrieg in Europa anrichtete, brach dem British Empire dann quasi das Genick. Großbritannien handelte mit den USA eine Schuldverschreibung über 3,5 Milliarden Dollar aus, um dem Staatsbankrott zu entgehen. In den USA tendierten die Kriegsschäden gegen Null und die Wirtschaft florierte prächtig. Der „American Dream“ war in aller Munde, während die Zahl der Menschen, die außerhalb von Großbritannien der britischen Krone unterstanden, von 700 Millionen (1945) auf mickrige fünf Millionen (1965) sank. Der Machtwechsel stand kurz bevor: Englisch sollte von nun an im Mantel der „stars & stripes“ die Welt erobern, anstatt im Zeichen des Union Jack.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Englisch und die Werbung

In seinem Buch „English as a Global Language“ hält David Crystal an einer Stelle ganz genau fest, welche Faktoren darüber entscheiden, ob eine Sprache im Kulturbewusstsein der Menschen Wurzeln schlagen kann. So sei eine militärisch starke Nation nötig, um eine Sprache zu etablieren. Damit sie sich dauerhaft erhalten und ausweiten kann, bedürfe es allerdings einer Nation, die sich durch eine immense Wirtschaftskraft auszeichnet. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war Englisch, wie Crystal weiter ausführt, einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um ein Metier im Speziellen für sich einzunehmen: die Werbung. Englischsprachige Begriffe auf Plakaten Werbetafeln und -displays haben sich in unseren Köpfen festgesetzt, da sie eben nicht nur von US-amerikanischen Unternehmen verwendet werden. Diesen Bereich der Werbung bezeichnet Crystal als „outdoor media“, den dortigen Gebrauch der englischen Sprache gar als weltumspannende Manifestierung. Belege gibt es dafür zu Genüge – ein Ausflug in die nächste Fußgängerzone reicht aus. Cocktail-Bars werben mit „Happy Hour“-Angeboten, Modegeschäfte propagieren spezielle „Sale“-Aktionen. Den Kaffee beim Bäcker gibt es auch „to go“. Und egal, ob man eine deutsche Frittenbude, ein türkisches Café oder ein italienisches Bistro betritt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass im Eingangsbereich ein beleuchteter „Open“-Schriftzug zu sehen ist. Eben diese Merkmale, die wir schon gar nicht mehr als fremd wahrnehmen, stehen für die „McDonaldization“, die US-Amerikanisierung unserer Gesellschaft. US-Konzerne wie McDonald’s, Coca-Cola, Amazon und Apple operieren weltweit. Setzt eines dieser Unternehmen einen neuen Trend, wird er von dessen Standorten in allen Erdteilen beworben und von ausländischen Konkurrenten gern kopiert, um am Erfolg zu partizipieren.

Hip Hop, Heavy Metal & Co.: Englisch als Stifter von Subkulturen

Ähnlich verhält es sich mit englischsprachigen Inhalten, die per Fernsehen, im Kino oder über den Computer konsumiert werden. Margie Berns spricht in dem Buch „In The Presence of English: Media And European Youth“ davon, dass Englisch in diesem Zusammenhang als Konstrukteur von kulturellen Identitäten fungiert. US-Serien wie „How I Met Your Mother“, „The Big Bang Theory“ und „Modern Family“ transportieren US-amerikanische Gepflogenheiten in die restlichen Weltkontinente und beeinflussen gerade junge Zuschauer, die noch in der Phase der Selbstfindung stecken. Auf diese Weise entstehen die sogenannten „peer groups“: Fangruppen haben ein enormes Interesse am Leben der Rollenfiguren, sie zitieren sie in ihrem Alltag und ahmen ihren Kleidungsstil nach. Eines der bekanntesten Beispiele ist wohl die Rollenfigur Sheldon Cooper (Jim Parsons) aus „The Big Bang Theory“, deren bunte T-Shirts bei Fans Kultstatus genießen. Englisch ist in diesem Zusammenhang also viel mehr, als bloß ein Mittel der sprachlichen Kommunikation. Englisch ist Stifter von gemeinschaftlichen Interessen und bringt Menschen aus den unterschiedlichsten Kreisen zusammen – so entstehen neue (Sub-)Kulturen. Man betrachte beispielsweise die Hip-Hop-Szene, die Gothic-Kultur oder Heavy-Metal-Fankreise.

Das linguistische Problem: Hilfswerkzeug oder sprachliche Beschränkung?

Dass Englisch eine der wichtigsten Sprachen der Weltbevölkerung ist, ist also eindeutig. Worüber Experten aus der Linguistik, der Kommunikationswissenschaft und der Medienwissenschaft streiten, ist allerdings die Frage, welche Rolle die englische Sprache im Netz der Sprachen einnimmt. Ist Englisch primär eine „Lingua Franca“ – also eine Sprache, die in erster Linie der (internationalen) Kommunikation von Menschen dient, die Englisch nicht als Muttersprache gelernt haben? Ist Englisch eine „second language“ bzw. „foreign language“ – also eine Sprache, die gezielt an Schulen gelehrt wird? Urs Dürmüller von der Pädagogischen Hochschule Bern stellt fest, dass man Englisch als foreign language heute anders unterrichten müsse, als es beispielsweise noch vor ein paar Jahren der Fall war. Mit knapp einer Milliarde Sprecher, die Englisch als foreign language gelernt haben, übersteige diese Zahl die Gruppe der Englisch-Muttersprachler (etwa 400 Millionen Menschen) deutlich. Ergo dürfe Englisch nicht so vermittelt werden, als würde man es als Muttersprache lernen. Wichtig sei dabei natürlich auch, über welche englischsprachigen Kulturen die Schüler etwas erfahren und welche Autoren gelesen werden, die auf Englisch veröffentlichen.

Innen, außen und die Randbereiche: Kachrus Sprachkreise

Das Modell der „Three Concentric Circles“ vom indischen Linguisten Braj Kachru ist wohl eines der bekanntesten und von vielen Menschen als am sinnvollsten betrachteten Modelle. Kachru teilt das Sprachgebiet des Englischen in drei Kreise ein: Den „Inner Circle“, den „Outer Circle“ und den „Expanding Circle“. Gebiete, in denen Englisch die eindeutig wichtigste Sprache ist, zählen zum Inner Circle (zum Beispiel England, Australien und die USA). In Ländern, die zum Outer Circle gehören, hat Englisch den Status einer (zusätzlichen) offiziellen Amtssprache, ist aufgrund von anderen gebräuchlichen Sprachen aber nicht ganz so dominant (beispielsweise in Nigeria oder Kenia). Nationen, in denen Englisch als Sprache für den internationalen Austausch genutzt wird, reihen sich in den Expanding Circle ein. Die Liste dieser Länder ist lang: Unter anderem gehören hierzu China, Japan und Südkorea sowie viele europäische Staaten wie die Schweiz, Deutschland und Norwegen.

Letzten Endes ist es kaum möglich, eine feste Definition für „richtiges“ Englisch zu formulieren, weil es so weit verbreitet ist und es dermaßen viele Derivate gibt. Das klassische „Oxford English“ bzw. „British English“ wird oft als das Englisch gerühmt, das die korrekte Aussprache und Schreibweise vorgibt. Wer damit jedoch im Südwesten der USA kommunizieren möchte, wird schnell feststellen, dass hier ganz andere Standards gelten. Ähnlich dürfte es Oxford-Fanatikern ergehen, die auf Jamaika oder in Südafrika unterwegs sind. In jeder Region kristallisieren sich ganz eigene Konventionen und Gepflogenheiten heraus, die schließlich im Standard-Englisch für dieses Gebiet resultieren. Bedenken sollte man allerdings auch: Trotz aller Unterschiede zwischen den Derivaten und landesspezifischen Englisch-Varianten handelt es sich vom Grundaufbau her um die gleiche Sprache. Wenn nigerianisches und australisches Englisch aufeinander prallen, ist es wesentlich leichter, miteinander zu kommunizieren, als es beispielsweise bei einem Gespräch zwischen einem Afrikaans-Sprecher und dem Sprecher einer slawischen Sprache der Fall ist.

Nicht wenige Länder schauen auf eine reichhaltige Literaturgeschichte zurück, in deren Verlauf Dichter und Denker die jeweilige Sprache zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Deutschland hatte Goethe und Schiller, Frankreich Molière und Voltaire und Spanien de Cervantes und de Vega. Entsprechend stolz sind die Einwohner auf ihre Sprache und sehen sie als ein Kulturgut an, das aufrechterhalten und gegebenenfalls geschützt werden muss. Insofern ist es nicht überraschend, dass sich in vielen Ländern Initiativen gebildet haben, die den Einfluss der englischen Sprache aufs Schärfste kritisieren. Und es ist nicht verwunderlich, dass speziell in vergleichsweise kleinen Ländern mit überschaubaren Sprachgemeinschaften darauf verwiesen wird, dass sich die eigene Sprache in einer prekären Lage befände. So auch in Deutschlands kleinem Nachbarland, den Niederlanden.

Übertriebener Sprachschutz: Von „schopboksen“ und „snelgymnastik“

Die niederländische Sprachwissenschaftlerin Jacomine Nortier hat sich daher mit der Frage befasst, ob Niederländisch zugunsten der englischen Sprache tatsächlich an Bedeutung verliert oder vielmehr nur ein solcher Eindruck bestünde. Die durchaus überraschende Schlussfolgerung ihrer Arbeit: tatsächlich gefährdet ist die niederländische Sprache nicht. In der Tat gäbe es im Niederländischen viele Anglizismen und englischsprachige Lehnwörter. Aber diese werden, wie auch im Deutschen, an die Struktur und die grammatischen Regeln der eigenen Sprache angepasst – und nicht umgekehrt. In den Niederlanden geht man „shoppen“ (von „to shop“) oder vertreibt sich die Zeit beim „jumpen“ (von „to jump“) auf dem Trampolin. Aber es sei kaum vorstellbar, dass im Niederländischen in Zukunft ein „-s“ an jedes Verb in der dritten Person angehängt wird, wie es im Englischen getan wird. Solange also die Grundstruktur der Sprache beibehalten wird, bräuchten sich Traditionalisten keine Sorgen machen. Manche Vorschläge von Sprachorganisationen wie der „Stichting Taalverdediging“ würden selbst bei besagten Traditionalisten auf Ablehnung stoßen. Diese Organisation hat einige niederländische Neologismen, also Wortneuschöpfungen, erarbeitet, die englischsprachige Begriffe ersetzen sollen, die in den Niederlanden allgemein akzeptiert werden. Doch es ist zu bezweifeln, dass Muttersprachler Begriffe wie „schopboksen“ (für „kickboxing“) oder „snelgymnastik“ (für „aerobics“) in ihren allgemeinen Wortschatz aufnehmen werden. Aus deutscher Perspektive kann man sich fragen: Ist hierzulande Neologismen wie „Tretboxen“ oder „Schnellgymnastik“ ernsthaft ein Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch zuzutrauen? Kaum denkbar.

Der „international flavour“ hat an Faszination verloren

Nortier stellt bezüglich der Verwendung von Englisch in der Werbung eine interessante These auf. Je nach Produkt und Zielgruppe kann die Verwendung von Englisch hier nämlich das genaue Gegenteil der eigentlichen Intention auslösen, und zwar den Verlust der Authentizität. Einem Produkt durch englische Begriffe ein wenig „international flavour“ verleihen zu wollen, sei derart zur Normalität geworden, dass Kunden solche Werbesprüche als störend wahrnehmen. Vor allem käme es aber auch auf den Charakter des Produktes an: Wer in den Niederlanden ein landestypisches Käsemesser mit englischen Werbesprüchen anpreist, wird bei Kunden auf Abneigung stoßen. Ein Unternehmen wie Levi`s kann jedoch problemlos englische Claims und Jingles benutzen, denn dem Kunden ist bewusst, dass dieses Unternehmen weltweit aktiv ist. Kurzum: Der extensive Gebrauch des Englischen hat in der Werbebranche seit kurzer Zeit zu einem gewissen Umdenken geführt. Zwanghaft englische Ausdrücke zu benutzen, um dem Kunden zu vermitteln „am Puls der Zeit“ zu sein, funktioniert nicht mehr. Hier hat Englisch also durchaus mit Problemen zu kämpfen, die es früher so nicht gab. Aber es geht auch anders.

Und zwar in den Medien. Am Beispiel Islands wird klar, dass die Verbreitung der englischen Sprache vor allem davon abhängt, wie groß das die avisierte Zielgruppe eines Mediums ist. Und zwar selbst dann, wenn deren Nationalsprache über Jahrhunderte vor äußeren Einflüssen sehr gut geschützt gewesen ist. Wie die Sprachwissenschaftlerin Amanda Hilmarsson-Dunn in einer ihrer Arbeiten aufklärt, war Islands Kultur und Sprache über einen langen Zeitraum lediglich vom Dänischen beeinflusst, da die Insel unter der Herrschaft Dänemarks stand. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Island im Rahmen des „European Recovery Program“ (besser bekannt als Marshallplan) wirtschaftlich geholfen. Initiator war die US-Regierung. Island erhielt in der Folge eine Medienlandschaft, die so stark von der englischen Sprache geprägt ist, wie kaum eine andere in Europa. Der erste TV-Sender Islands strahlte sein Programm ausschließlich auf Englisch aus. Zwar existieren heute eigenständige isländische TV-Stationen, doch setzen auch diese größtenteils auf die Ausstrahlung von englischsprachigen Programminhalten. Eine Forschungsgruppe fand 2007 heraus, dass der Anteil isländischsprachiger Inhalte beim staatlichen TV-Sender RÙV bei knapp 50 Prozent lag. Bei den beiden größten Privatsendern gar nur bei einem Vierteil bzw. einem Fünftel.

Aus wirtschaftlicher Sicht macht es nicht viel Sinn, für die etwa 320.000 Inselbewohner aufwändige isländische Programminhalte zu produzieren. Für die Sender ist es günstiger und mit weniger Bearbeitungsaufwand verbunden, die Ausstrahlungsrechte für Sendungen und Filme aus englischsprachigen Ländern einzukaufen und isländische Untertitel hinzuzufügen (dazu sind die Sender verpflichtet). Ein Nebeneffekt der englischsprachigen Dominanz ist, dass Isländerinnen und Isländer die englische Sprache gut verstehen, schon bevor sie sie in der Schule lernen. Der Fakt, dass Island ein sehr kleines Zielpublikum darstellt und die Medienlandschaft überhaupt erst durch US-amerikanische Hilfe entstehen konnte, verleiht der englischen Sprache dort einen ganz anderen Status, als sie ihn beispielsweise in Deutschland oder Frankreich trägt. Das deutsche und auch das französische Publikum setzen einfach voraus, dass im Fernsehen und im Kino die eigene Sprache zu hören ist. Die Synchronisationskultur spielt hier seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle, und zwar vor allem deshalb, weil das Publikum groß genug ist und sich der Arbeitsaufwand bezahlt macht.

Die Zukunft: Auf den Spuren von Latein?

„Hier sprechen die Leute Amerikanisch. Hier Australisch. Und dort wird Südafrikanisch gesprochen.“ Dieser Satz mag heute utopisch klingen, das muss laut Laurie Bauer aber keineswegs so bleiben. Sie widmet sich in einem Buch den internationalen Varietäten des Englischen und stellt fest, dass wir schon heute eine ähnliche Sprachsituation vorfinden. Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Französisch stammen alle von der lateinischen Sprache ab und sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlich. Aber weder in Spanien, noch in Portugal, Italien und Frankreich wird heute „modernes Latein“ gesprochen. Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, dass Englisch einen ähnlichen Weg gehen wird.

Überhaupt, das Lateinische. Bei vielen Menschen ist die Überraschung groß, wenn sie feststellen, dass sich Englisch oftmals beim Lateinischen bedient hat, um neue Lehnwörter zu kreieren. Das lateinische Verb „movere“ stand Pate für „to move“, während „negotior“ für „to negotiate“ herangezogen wurde. Substantive wie „brochure“ und „sabotage“ stammen aus dem Französischen. Wer die englische Sprache dafür kritisiert, dass sie andere Sprachen zu intensiv mitgestaltet, sollte also daran denken, dass Englisch selbst eine Sprache ist, die von vielen anderen Sprachen beeinflusst wurde.

Englisch als Multifunktionskünstler – Gleichermaßen international & regional

In unserer modernen Informationsgesellschaft, in der jeder einzelne beständig zwischen direkter Kommunikation mit der regionalen Sprachgemeinde und dem Austausch mit Leuten aus weit entfernten Regionen wechselt, sind vermutlich die Meinungen von Barbara Seidlhofer sowie Yamuna Kachru und Larry E. Smith die idealen Grundmuster. Seidlhofer schreibt, dass Englisch als Lingua Franca nicht im Wettbewerb mit anderen europäischen Sprachen stünde. Dieses Englisch ist ein länderübergreifendes Hilfswerkzeug, dessen sich vor allem Menschen aus der Wissenschaft, aus dem Finanzwesen und aus dem Marketingbereich bedienen. Die Nutzer innerhalb eines Metiers nutzen dieses Englisch weltweit und haben sich auf bestimmte Regularien geeinigt. Kachru und Smith sind davon überzeugt, dass Englisch-Derivate in jeder einzelnen Sprachgemeinschaft benutzt werden, damit die Sprecher sich selbst stärken und bestimmte Ziele erreichen können. Bei über 70 Ländern, in denen Englisch einen offiziellen Status hat, sei es nur logisch, dass sich jedes einzelne Englisch an kommunikativen und infrastrukturellen Bedürfnissen der betreffenden Kommune orientiert. Daher dürfe man die vielen verschiedenen „world Englishes“ nicht als abwertend betrachten. Sie sind vielmehr maßgeschneiderte Sprachlösungen, die eine unproblematische Verständigung in der jeweiligen Region möglich machen. Wer dem Englischen bisher negativ gegenüberstand, sollte seine Meinung auf Basis der vorgestellten Tatsachen selbstkritisch hinterfragen. Und schon geht man viel entspannter bzw. „gechillter“ aus Sprachdebatten hervor.

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Autor: Niklas Nowak
Bildquelle: Pixabay.com