Profis vs. Amateure: Was zeichnet gute Dolmetscher und Übersetzer aus

Profis vs. Amateure: Was zeichnet gute Dolmetscher und Übersetzer aus

US-Präsident Barack Obama, Großbritanniens Premierminister David Cameron, Frankreichs Staatspräsident François Hollande, Friedensnobelpreisträger DesmondTutu und „U2“-Sänger Bono. Diese und noch viele weitere berühmte Persönlichkeiten waren an diesem verregneten Dezembertag im FNB-Stadion in Johannesburg zusammengekommen, als die Welt dem verstorbenen Nelson Mandela die letzte Ehre erwies. Und sie alle erlebten hautnah einen der wohl größten Dolmetscher-Skandale aller Zeiten.

Der Dolmetscher, der keiner war

Was genau war passiert? Einige der ranghohen Staats- und Regierungschefs richteten bei der Trauerfeier ein paar Worte an die knapp 100.000 Menschen im Stadion und an Millionen weitere, die per Fernsehen live dabei waren. Neben dem Rednerpult war ein Gebärdendolmetscher postiert. Dachten zumindest alle. Denn wie sich nach der Trauerfeier herausstellte, war Thamsanqa Jantjie ein Hochstapler. Er fuchtelte wild mit den Armen herum und wiederholte immer wieder dieselben Gesten, während neben ihm UN-Generalsekretär Ban Ki Moon oder US-Staatsoberhaupt Barack Obama Reden hielten. Delphin Hlungwane, die Sprecherin des südafrikanischen Gehörlosenverbandes, sprach hinterher davon, dass Jantjie „keine einzige Regel“ der Gebärdensprache befolgt habe. Und weiter: „Es gab keine Grammatik, keine Sprachstruktur. Nur er kann uns erklären, was da durch seinen Kopf ging oder was er da übersetzt hat. Denn das ergibt keinen Sinn.“

Wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass die südafrikanische Regierung solch einen Betrüger engagieren konnte, ist schon schlagzeilenträchtig. Schließlich hätte sich die Regierung einfach an den Gehörlosenverband wenden können, um einen fähigen Gebärdendolmetscher zu engagieren. Dass Jantjie dann hinterher aber auch noch behauptete, seine Leistung sei auf einen schizophrenen Schub zurückzuführen, der auf der Bühne über ihn gekommen sei, setzt dem Ganzen die Krone auf. Mit seiner Leistung war er offenbar dennoch zufrieden, wie er in einem Radio-Interview verriet: „Absolut, absolut! Ich denke ich war ein Champion der Sprache. Ich habe bei vielen großen Events übersetzt. Und es hat sich noch nie jemand über meine Arbeit beschwert.“ Offenbar scheint er mit seine Masche tatsächlich erfolgreich zu sein. Schon 2012 übersetze er beim Parteitag der südafrikanischen AFC-Partei. Schon damals beschwerte sich der Gehörlosenverband bei der AFC. Ohne Reaktion, ohne Erfolg.

Viel Wissen, viel Leistung – viele schwarze Schafe

Der besagte Fall zeigt auf, wie viel Verantwortung auf einem Dolmetscher lastet. Wenn er übersetzt, sind alle Augen und Ohren auf ihn gerichtet. Zwar vollbringt er „nur“ eine Dienstleistung – diese ist aber eine ganz entscheidende, schließlich erreicht die Original-Botschaft die Adressaten nur dank seines Wissens. Dadurch ergeben sich drei Konsequenzen: Erstes muss ein Dolmetscher viele Kompetenzen mit sich bringen, um seiner Arbeit professionell nachgehen zu können. Zweitens erhält er für diese spezielle Dienstleistung einen entsprechend hohen Lohn. Drittens ergibt sich daraus leider der Umstand, dass Menschen immer wieder versuchen, auf Profi-Niveau als Profi-Dolmetscher zu verdienen – obwohl sie es nicht sind.

Laien haben ein leichtes Spiel, sich als professioneller Dolmetscher auszugeben, da die Berufsbezeichnung „Dolmetscher“ in Deutschland nicht geschützt ist. Nennen darf sich also prinzipiell jeder so. Außerdem arbeiten Dolmetscher in vielen Bereichen. In der Politik, für Industrieunternehmen, in der Finanzbranche, in der Medienbranche und in noch unzähligen weiteren Fachbereichen. Dadurch wird das potenzielle Tätigkeitsfeld für Dolmetscher und Übersetzer sehr groß, schließlich muss man sich nicht zwingend auf einen Fachbereich beschränken. Doch hier liegt die Krux: Selbstüberschätzung. Von niemandem wird erwartet,  Antworten auf sämtliche fachspezifische Fragen parat zu haben und alle aktuellen Trends zu kennen. Man sollte sich im Umkehrschluss aber auch nicht als „Experte für den Automobilmarkt“ bezeichnen, nur weil man jede Woche eine Autozeitschrift liest. Eine überall anwendbare „Profi-Checkliste“, mit der man gute Dolmetscher und Übersetzer erkennt, gibt es leider nicht. Dennoch gibt es einige grundlegende Dinge, bei deren Berücksichtigung die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass man es mit einem vertrauenswürdigen Profi-Dolmetscher bzw. Profi-Übersetzer zu tun hat.

Eines der wichtigsten Kriterien: Die Qualifikation

Eines der wichtigsten Kriterien bei der Auswahl eines Dolmetschers ist der von ihm erlangte Abschluss. Die Bezeichnung Diplom-Dolmetscher bzw. Diplom-Übersetzer lässt sich nur über einen fachlichen Ausbildungsweg auf hohem Niveau erlangen. Meist verfügen solche Dolmetscher über ein abgeschlossenes Master-Studium im Bereich der Translatologie (Fachbezeichnung für die Wissenschaft des Übersetzens). Als „Hochburgen“ der Translatologie gelten in Deutschland unter anderem folgende Einrichtungen:

  • die Universität Heidelberg mit eigenem „Institut für Allgemeine und Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft“
  • das „Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie“ der Universität Leipzig
  • das „Institut für Translation und Mehrsprachige Kommunikation“ der Fachhochschule Köln
  • die Hochschule für Angewandte Sprachen mit eigenem „Sprachen- und Dolmetscherinstitut“ in München

Die Universität Leipzig hat eine Art „Kompetenzkatalog“ entwickelt, in dem festgehalten ist, welche Kompetenzen ein Dolmetscher (neben Kenntnissen der gewünschten Sprachen) mitbringen sollte. Wichtig sei demnach ein sensibler Umgang mit der Muttersprache. Das bedeutet, dass ein Dolmetscher erkennen muss, welche Aussagen er nicht wortwörtlich übersetzen sollte, sondern verändern muss, damit sie in der Zielsprache nachvollziehbar sind. Das gilt vor allem für Redewendungen und Metaphern. Ein einfaches Beispiel: Die englischsprachige Redewendung „to paint the town red“ würde wörtlich übersetzt „die Stadt rot anmalen“ lauten. Diese Aussage hat im Deutschen aber überhaupt keine Bedeutung. Deshalb muss der Dolmetscher die Semantik  der englischsprachigen Redewendung (er)kennen. Und diese besagt, dass sie mit den umgangssprachlichen Redewendungen „auf den Putz hauen“ oder „die Sau rauslassen“ übersetzt werden kann. Ähnlich sensibel muss der Dolmetscher agieren, wenn er zwischen zwei Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturen vermittelt. Stammt einer der Gesprächsteilnehmer aus einer besonders höflichen Kultur, in der als Antwort ein direktes „Nein“ nicht verwendet wird, sollte der Dolmetscher über das entsprechende kulturelle Wissen verfügen und die Antwort beim Übersetzen umformen. Darüber hinaus ist laut dem Kompetenzkatalog wichtig, dass der Dolmetscher dazu bereit ist, sein Fachwissen regelmäßig durch professionelle Recherche zu erweitern, dass er auf effiziente und computergestützte Arbeitsmittel zurückgreift und dass er über ein gewisses Maß an Selbstorganisation verfügt.

Schlüsselkompetenzen: Ehrlichkeit & Kooperationsbereitschaft

Der ADÜ Nord (Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer in Norddeutschland e.V.) weist darauf hin, dass Dolmetscher und Übersetzer zudem die Verantwortung tragen, ihrem Kunden im geschäftlichen Sinne bei der Auftragsabwicklung zu helfen. Das hängt in erster Linie damit zusammen, wie ein Dolmetscher an neue Aufträge gelangt (hierzu später mehr). Wie der ADÜ Nord darüber hinaus festhält, sollte ein jeder Dolmetscher und Übersetzer erkennen, wann ein angebotener Auftrag seine Fähigkeiten übersteigt. Wenn ein Dolmetscher einen Auftrag ablehnt, dann ist dies pauschal gesehen kein Indikator dafür, dass er sich nichts zutraut und/oder eine schlechte Arbeitsmoral hat. Im Gegenteil: Wer sich selbst eingesteht, dass die persönliche Qualifikation/Fachkompetenz nicht ausreicht, um die anfallenden Übersetzungsarbeiten zu übernehmen, erzeugt beim Kunden einen authentischen und verantwortungsbewussten Eindruck. Einen sehr ausführlichen Einblick in die idealerweise vorhandenen Kompetenzen eines Dolmetschers gibt ein Dokument des „Transforum“. Das Transforum ist eine weitreichend vernetzte Organisation, die sich der Koordinierung von Praxis und Lehre von Dolmetschern und Übersetzern widmet. Eine Expertengruppe hat dieses Dokument erarbeitet und die Kompetenzen in insgesamt neun Kategorien eingeteilt. Das Dokument erhebt zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit, präsentiert aber einige Fähigkeiten, die man zunächst vielleicht gar nicht mit einem Dolmetscher in Verbindung bringt, die bei näherer Betrachtung aber durchaus relevant sind. Zum Beispiel hinsichtlich wichtiger „Softskills“: Wie sehr ist der Dolmetscher physisch und psychisch belastbar? Ist er jederzeit per Mobiltelefon oder E-Mail zu erreichen? Wie flexibel ist er? Zeigt er sich dazu bereit, zusammen mit anderen Dolmetschern im Team zu arbeiten? Ist er ein Perfektionist? Inwiefern die Gewichtung dieser Softskills zu berücksichtigen ist, hängt natürlich vom jeweiligen Einsatzbereich ab.

Verbände, Agenturen & Freiberufler: Wie sind Dolmetscher organisiert?

Grundsätzlich sagt das Beschäftigungsverhältnis eines Dolmetschers/Übersetzers nichts über dessen Qualitäten aus. Vielmehr sind es persönliche Präferenzen, die darüber entscheiden, wie ein Dolmetscher seine Arbeit organisiert und neue Aufträge erhält. Die meisten Dolmetscher und Übersetzer in Deutschland arbeiten freiberuflich. Dennoch wies der BDÜ (Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer) im März 2014 darauf hin, dass eine steigende Zahl fest angestellter Dolmetscher und Übersetzer zu verzeichnen sei: Fast 7100 Personen stünden demnach in einem solchen dauerhaften und sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis. Nichtsdestotrotz ist das Gros der Dolmetscher und Übersetzer freiberuflich tätig und Mitglied bei einem der zahlreichen fachberuflichen Verbände. Das hat gleich mehrere Gründe: Einerseits fungieren solche Verbände oft auch als Vermittler. Über deren Websites können interessierte Kunden die Mitglieds-Datenbank nach dem passenden Dolmetscher durchsuchen. Andererseits bieten Verbände oft Tagungen, Seminare und Weiterbildungen an, die von den Dolmetschern und Übersetzern gern absolviert werden, um sich weiterzuentwickeln. Solche Seminare tragen Titel wie „Im Dialog mit dem Kunden“, „Richtiges Übersetzen von Urkunden“,  „Typisch Englisch, typisch Deutsch“ oder „Professionelle Selbstvermarktung“. Letztendlich profitieren von solchen Veranstaltungen beide Seiten: Der Dolmetscher erweitert sein Wissen und verbessert seine Reputation, der Kunde erkennt den Ehrgeiz des Dolmetschers und weiß, in welchem Bereich er besonders gut geschult wurde. Ferner publizieren Verbände in der Regel eigene Fachzeitschriften („MDÜ“, „Forum“, „TransRelations“, „Lebende Sprachen“ etc.) , die für Dolmetscher und Übersetzer eine adäquate Quelle sind, um sich über aktuelle Branchenentwicklungen zu informieren.

Mit Dolmetscher-Agenturen wie lingoking arbeiten Dolmetscher und Übersetzer natürlich ebenfalls häufig zusammen. Eine Agentur kontaktiert den Dolmetscher in der Regel erst dann, wenn sie davon ausgeht, dass seine Fähigkeiten zum Anforderungsprofil des jeweiligen Kunden passen. In möglichst vielen Agentur-Datenbanken verzeichnet zu sein, erspart einem Dolmetscher also einen erheblichen Zeit- und Marketingaufwand. Stattdessen kann er sich verstärkt auf den Kern seiner Arbeit konzentrieren – das Übersetzen. Das gilt auch für fest angestellte Dolmetscher, die primär im juristischen und politischen Bereich tätig sind. Bei internationalen Behörden, in den Büros von Ministerien und bei Einrichtungen der Europäischen Union steht sprachübergreifende Kommunikation an der Tagesordnung. Dementsprechend hoch ist hier der Bedarf an Dolmetschern und Übersetzern.

Die Übersetzerin, die es eigentlich gar nicht werden wollte

Mit der Geschichte eines skandalösen Dolmetschers hat dieser Text begonnen, mit der Erwähnung einer der verdientesten deutschen Übersetzerinnen soll er enden. Die Geschichte von Dr. Erika Fuchs (1906 bis 2005) zeigt zudem, dass es nicht unbedingt der klassischen Übersetzer-Ausbildung bedarf, um in diesem Berufsfeld erfolgreich tätig zu sein. Sie hätte wohl herzhaft darüber gelacht, wenn man ihr zum Start ihres Kunstgeschichts-Studiums Ende der 1920er-Jahre gesagt hätte, dass ihre Übersetzungen eines Tages ein Millionenpublikum erreichen sollten. Und das kam so: Ihre Sprachgewandtheit verdankte die zweifache Mutter den vielen Auslandsreisen während ihres Studiums. Unter anderem lebte sie für mehrere Monate in Florenz, Lausanne und London. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges engagierte sich Erika Fuchs stark in der Gemeinde ihres langjährigen Wohnortes, Schwarzenbach an der Saale (Bayern). Unter anderem half sie bei der Gründung der ersten Schule in Schwarzenbach. Schließlich wünschte sie sich mehr kreative Beschäftigung und begann mit freiberuflichen Arbeiten für Zeitschriften. Beispielsweise fertigte sie Übersetzungen für Magazine an, die im Original in den USA erschienen, unter anderem für die deutsche Ausgabe von „Reader’s Digest“. Sie fuhr regelmäßig zur Verlagszentrale des Magazins in Stuttgart, um sich neue Übersetzungsaufträge zu sichern. Quasi nebenbei wurde sie 1951 bei einer ihrer Visiten zur Chefredakteurin des in Deutschland neu gegründeten „Micky Maus“-Magazins gemacht. Und das, obwohl sie mit dem damals neuen Medium „Comic“ kaum etwas anfangen konnte. Doch Erika Fuchs zeigte zwei Eigenschaften, die ambitionierte Dolmetscher und Übersetzer auszeichnen: Kreativität und Mut zur bewussten, aber respektvollen Veränderung des Originals.

Erika Fuchs bereicherte ihre Übersetzungen durch Anspielungen und Verweise auf die formvollendete Sprache der ganz Großen der deutschen Literaturgeschichte. So erhielt die Sprache Entenhausens – zumindest in der deutschen Version – eine ordentliche Prise Schiller, Goethe & Co. Andere Übersetzer hätten Dagobert Duck sicher nie die Worte „Leichtfertig ist die Jugend mit dem Wort und bar jeden Sinnes für geschäftliche Dinge!“ in den Mund gelegt. Und Neffe Donald hätte seinen Groll über verärgerte Nachbarn höchstwahrscheinlich nicht mit einem Satz wie „So wankelmütig ist die Gunst des Volkes!“ zum Ausdruck gebracht. Dem Ruf stupider Bildgeschichten entsprachen von Erika Fuchs übersetzte Disney-Comics keinesfalls. Lautmalerische Ausdrücke übersetzte Erika Fuchs, indem Sie Verben auf ihren Stamm reduzierte. Formulierungen wie „schmatz“ oder „seufz“ werden daher heute als Erikativ bezeichnet. Dank der Kreativität einer Übersetzerin, die eigentlich aus dem Bereich der Kunsthistorik kam, erhielt das Medium Comic in Deutschland also einen ganz eigenen Charakter. Wer sich einen umfassenden Eindruck vom translatologischen Wirken Erika Fuchs‘ verschaffen möchte, besucht ab Spätsommer 2014 das „Erika-Fuchs-Haus – Museum für Comic-Sprachkunst“ in Schwarzenbach.

Autor: Niklas Nowak

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