Die verschiedenen Methoden des Dolmetschens

Die verschiedenen Methoden des Dolmetschens

Wenn man sich vertieft mit dem Prozess des Dolmetschens beschäftigt, dann kommt man zu dem Schluss, dass es sich doch eigentlich um eine sehr ambivalente Sache handelt. Wieso? Nun, im Grunde geht es beim Dolmetschen darum, einen Inhalt so aufzubereiten, dass eine andere Person ihn versteht. Das neu Formulierte klingt ganz anders, als das ursprünglich Gesagte, muss aber dennoch dessen Intention möglichst unverändert transportieren. Das macht es für Dolmetscher so schwer, beim Arbeiten den Erwartungen des Sprechers und des Rezipienten gerecht zu werden. Und natürlich auch dem eigenen Anspruch.

Typische Fragen, die sich ein Dolmetscher fortlaufend stellt, sind daher zum Beispiel:

– Welche Satzteile sollte ich verändern, damit sie in der anderen Sprache besser verstanden werden können?
– Welche Wörter dürfen auf keinen Fall entfremdet werden, weil sie von besonderer Wichtigkeit sind?
– Sollte ich vielleicht den ganzen Satz neu arrangieren, weil er dann in der Zielsprache schlichtweg schöner klingt?

Das waren nur drei der unzähligen Abwägungen, mit denen sich ein Dolmetscher bei der Arbeit auseinandersetzen muss. Sehr wichtig sind in diesem Zusammenhang vor allem zwei Komponenten, und zwar der jeweilige Kontext sowie der Faktor Zeit. In Abhängigkeit davon, in welchem Metier die Verdolmetschung stattfindet, kann der Dolmetscher evaluieren, ob gerade ein Stil angebracht ist, der sich an Umgangssprache oder Fachsprache orientiert. Und in Abhängigkeit vom Faktor Zeit ist auch die Wirkung der übertragenen Botschaft eine ganz andere. Schließlich macht es einen großen Unterschied, ob der Dolmetscher in natura zugegen ist und mir das Gesagte umgehend in Form von Face-to-Face-Kommunikation vermittelt, oder ob die Kommunikation per Headset stattfindet und er sich beim Dolmetschen mehr Zeit lassen darf/soll.

Schauen wir uns die verschiedenen Methoden des Dolmetschens doch einfach mal näher an. Bei dieser Betrachtung wird schnell nachvollziehbar werden, dass bestimmte Dolmetschmethoden in bestimmten Kontexten eindeutig die praktischste Lösung sind – und andere das genaue Gegenteil.

Vom Flüstern und Feilschen: Die speziellen Methoden des Dolmetschens

Einen allgemeinen Konsens über die verschiedenen Methoden des Dolmetschens gibt es nicht. Das mag auch daran liegen, dass die Berufsbezeichnung „Dolmetscher“ im deutschsprachigen Raum gesetzlich an keinerlei Vorgaben geknüpft ist. Theoretisch darf sich also jeder, der sich für halbwegs fit im Dolmetschen von Fremdsprachen hält, als Dolmetscher bezeichnen. Spezielle Bezeichnungen wie „Diplom-Dolmetscher“ oder der Namenszusatz „staatlich geprüft“ können jedoch in der Tat nur mit entsprechenden Leistungsnachweisen erlangt werden. Wer solch einen Titel trägt, führt seinen Beruf in der Regel sehr gewissenhaft aus und hat sich gleichzeitig auch meist auf einen bestimmten Bereich spezialisiert.

Das Simultandolmetschen – Schnell und direkt

Blick aus einer Dolmetschkabine (Wikimedia)

Das Simultandolmetschen ist die schnellste und direkteste Art des Dolmetschens. Und vermutlich auch die bekannteste, da sie in derart vielen Bereichen eingesetzt wird. Der Dolmetscher sitzt hierbei üblicherweise in einer schalldichten Kabine. Er hört den jeweiligen Redner über Kopfhörer und spricht die Übersetzung in ein vor ihm installiertes Mikrofon. Über dieses wird die Übersetzung wiederum an eine Person/eine Personengruppe weitergeleitet, die mit Kopfhörern ausgestattet ist. Der Prozess des Übersetzens findet beim Simultandolmetschen (die Bezeichnung geht übrigens auf den mittellateinischen Begriff „simultaneus“ zurück, der sich aus dem lateinischen Begriff „simul“ entwickelte und auf Deutsch „zugleich/zusammen“ bedeutet) also mit nur minimalem Zeitunterschied statt.

Die meisten Menschen kennen diese Methode sicherlich von live übertragenen Fernsehsendungen, bei denen ausländische Prominente zu Gast und auf die Hilfe eines Simultandolmetschers angewiesen sind. Nur mit dem bekannten „Knopf im Ohr“ kann sich der Gast möglichst angenehm mit dem Moderator und anderen Gästen unterhalten und diese verstehen. Üblicherweise kümmert sich ein Dolmetscher darum, dass alle Äußerungen in die Muttersprache des besagten Gastes übersetzt werden. Ein anderer Dolmetscher übersetzt das, was der Gast sagt, im Gegenzug in die Sprache des Publikums. Bei dieser Dolmetschmethode geht es primär nicht darum, möglichst elaborierte und wohlklingende Sätze zu bilden, sondern vielmehr darum, das Gesagte möglichst rasch und zugleich gut verständlich zu dolmetschen. Da dies eine enorme Konzentration erfordert, ist es nicht selten der Fall, dass sich bei längeren Gesprächen mehrere Dolmetscher abwechseln. Dies ist insbesondere dann notwendig, wenn gleich mehr als zwei Sprachen und mehr als nur zwei Kommunikationsparteien involviert sind. Klassisches Beispiel sind Debatten im EU-Parlament. Hierbei sind Politiker aus dutzenden Ländern beteiligt, und jeder von diesen muss akkurat verstanden werden können, wenn er das Rednerpult betritt. Die Stimmen der einzelnen Simultandolmetscher können von den übrigen Politikern über einzelne Sprachkanäle ausgewählt werden.

Das Flüsterdolmetschen – Persönlich und nah

Flüsterdolmetscher auf einem Messeeinsatz

Beim Flüsterdolmetschen kommen sich Dolmetscher und Zuhörer ganz nah, denn ihm werden die Wörter hierbei tatsächlich nahezu ins Ohr „geflüstert“. Der Dolmetscher fungiert als persönlicher Begleiter und muss konstant beim Zuhörer bzw. der Zuhörergruppe verweilen. Das Flüsterdolmetschen wird zum Beispiel eingesetzt, wenn eine kleine Personengruppe eine Produktionsanlage besichtigt oder in einem Museum unterwegs ist. Nicht selten ist die Umgebung allerdings so laut, dass moderne Technik zum Einsatz kommt: Wie beim Simultandolmetschen wird die Stimme des Dolmetschers dann an die Kopfhörer der Personengruppe übertragen. Das macht es nicht nur für die Zuhörer angenehmer, sondern schont zudem die Stimme des Dolmetschers.

Auch beim Flüsterdolmetschen ist es nicht ungewöhnlich, dass sich zwei Dolmetscher bei der Arbeit abwechseln. Simultandolmetschen und Flüsterdolmetschen sind sich also generell recht ähnlich. Prägnanter Unterschied ist jedoch, dass Letzteres auf einen kleinen Personenkreis beschränkt ist. Ferner ist erwähnenswert, dass solch ein Flüsterdolmetscher im Gegensatz zu anderen Dolmetschern häufig fest angestellt ist, zum Beispiel als Teammitglied in Museen, Kunsthäusern und Galerien. Außerdem verfügt er meist über ein fundiertes Fachwissen, da Nachfragen zu bestimmten Kunstwerken oder dem Museum selbst zu erwarten sind. Ein „gebuchter“ Flüsterdolmetscher könnte hier nur mangelnde Auskunft erteilen.

Das Verhandlungsdolmetschen – Stück für Stück

Dolmetscheinsätze bei internationalen Verhandlungen

Die Ansichten von zwei Parteien nähern sich beim Verhandeln meist nur langsam einander an. Da passt es hervorragend ins Bild, dass beim Verhandlungsdolmetschen immer nur Stück für Stück übersetzt wird. Normalerweise fungiert bei diesem Anlass ein Dolmetscher als Sprachmittler und übersetzt für beide Parteien. Meist sitzen sich diese an einem Tisch direkt gegenüber, zum Beispiel bei Verhandlungen über die Details eines Kooperationsvertrages. Mikrofone und Kopfhörer kommen sehr selten zum Einsatz, schließlich finden die Vertragsgespräche meist in einem extra dafür vorgesehenen Raum statt, in dem eine gute Akustik herrscht.

Konkret laufen solche Unterhaltungen meist so ab, dass eine der beiden Parteien mehrere Sätze von sich gibt und das Wort umgehend an den Verhandlungsdolmetscher übergeben wird. Er übersetzt diesen Teil, wartet auf die Antwort/Reaktion der anderen Partei und übersetzt anschließend eben dieses Statement. In der Regel überdauern solche Verhandlungen wenige Stunden, sodass es ausreicht, einen Dolmetscher mit dem gesamten Arbeitspensum zu beauftragen. Umso wichtiger ist aber, dass beide Seiten dem Verhandlungsdolmetscher voll und ganz vertrauen können: Schließlich spielen hier wichtige wirtschaftliche Interessen eine Rolle und nicht selten geht es um hohe Beträge, die über die finanzielle Entwicklung der Unternehmen bestimmen.

Sofern die Unternehmen bereits eine gute geschäftliche Beziehung pflegen, ist das Vertrauen oft so groß, dass Unternehmen X damit einverstanden ist, dass Unternehmen Y einen selbst engagierten Verhandlungsdolmetscher mitbringt, der für beide Seiten übersetzt. Sofern es sich um den ersten geschäftlichen Kontakt handelt, ist es allerdings nicht unüblich, dass beide Seiten darauf bestehen, dass beim Dolmetscherengagement besonders viel Wert auf Neutralität gelegt wird. Schließlich könnte der Verhandlungsdolmetscher eine der beiden Seiten bewusst täuschen – hier wird ersichtlich, welch ein erhebliches Maß an Verantwortung und Wahrheitspflicht auf den Schultern des Verhandlungsdolmetschers lastet. Daher ist es sinnvoll, bei Business-Erstkontakten eine neutrale Agentur mit der Vermittlung des Verhandlungsdolmetschers zu beauftragen.

Das Konsekutivdolmetschen – der Klassiker

Dolmetscher auf einer Konferenz (Wikimedia)

Das Konsekutivdolmetschen lässt sich ohne Untertreibung als „Oldtimer“ unter den Dolmetschmethoden bezeichnen. Sehr erhaben, gleichzeitig aber auch mit gemächlichem Tempo. Das deutschsprachige Adjektiv „konsekutiv“ bedeutet so viel wie „nachfolgend“ oder „kommend“ (und auch hier bedient sich unsere Sprache mal wieder dem Lateinischen: War von einer „consecutio“ die Rede, sprachen die Römer von einer „Folge“ oder auch einer „Wirkung“). Das Konsekutivdolmetschen hat deshalb einen besonders erhabenen Status, weil es traditionell bei pompösen Anlässen zum Zuge kommt. Zum Beispiel bei einem festlichen Bankett oder einem offiziellen Dinner, bei denen ausländische Gäste die restlichen Teilnehmer mit einer Rede erfreuen möchten. Der Gast trägt zunächst seine Rede vollständig (in der für das Publikum unverständlichen Sprache) vor. Währenddessen macht sich der Konsekutivdolmetscher schriftliche Notizen, um Stilistik, Inhalt und Betonung der Rede möglichst originalgetreu wiederholen zu können.

Beim Konsekutivdolmetschen kommen traditionell keine technischen Hilfen zum Einsatz. Von Belang ist dagegen eine möglichst laute und wohlklingende Stimme des Dolmetschers. Das akustische Vermögen der eigentlichen Stimmquelle ist hier also viel wichtiger, als etwa beim Flüsterdolmetschen oder dem Simultandolmetschen. Dadurch, dass die Rede im Original und übersetzt vorgetragen wird, verdoppelt sich die Zeit, die nötig ist, um allen Gästen den Inhalt der Rede zu vermitteln. Das macht das Konsekutivdolmetschen aus wirtschaftlicher Sicht sehr ineffizient – ein Konsekutivdolmetscher würde beispielsweise niemals ernsthaft im Rahmen eines Verhandlungsgesprächs beauftragt werden. Sofern aber Wert auf eine besondere Inszenierung der übersetzten Rede gelegt wird und die Gäste gewillt sind, die zusätzliche Zeit in Kauf zu nehmen, ist die traditionelle Form des Konsekutivdolmetschens eine gern gewählte Alternative.

Gebärdendolmetschen – Lautlos aber auffallend

Dolmetscher für Gebärdensprache (Heinrich Böll Stiftung)

Beim Gebärdendolmetschen wird im Vergleich zu allen anderen Dolmetschmethoden nicht gesprochen. Stattdessen gibt der Gebärdendolmetscher das Gesagte in Form von Zeichensprache an ein taubstummes Publikum weiter. Umgekehrt kann er diese sprachlichen Zeichen natürlich ebenfalls in akustische Sprache umsetzen, sofern beispielsweise ein taubstummer Mensch mit einem Menschen verhandeln möchte, der unter keiner Beeinträchtigung seines Hörorgans leidet. Sofern sich der Gebärdendolmetscher bei seiner Arbeit an eine größere Zielgruppe wendet, dann ist besonders wichtig, dass er an einem für alle Menschen gut sichtbaren Ort positioniert ist. Daher werden seine Aktionen in der Regel abgefilmt und über eine große Leinwand übertragen. Bei Übertragungen im Fernsehen ist der Gebärdendolmetscher in einem Extrafenster in einer Ecke des Bildschirms zu sehen, beispielsweise als Äquivalent zum Nachrichtensprecher.

Das Übersetzen per Gebärdensprache ist ein Sonderfall. Denn trotz der Tatsache, dass es gewisse Gesten gibt, die ungeachtet von ethnischen oder regionalen Hintergründen weltweit die gleiche Bedeutung haben, gibt es sehr viele verschiedene Gebärdensprachen und Dialekte. Es hat sich sogar eine Art „lingua franca“ für Menschen entwickelt, die per Gebärdensprache miteinander kommunizieren, und zwar die sogenannte „Gestuno“ (eine Zusammensetzung aus dem englischsprachigen Begriff „gesture“ und der „United Nations Organisation“, kurz UNO).

Spezialisierung und Sonderfälle

Die fünf oben erläuterten Dolmetsch-Arten dürften als die wohl wichtigsten und geläufigsten Methoden gelten. Dennoch ist gelegentlich von weiteren Dolmetschmethoden die Rede, wobei es schlichtweg eine Frage der Interpretation ist, ob man diese als „eigenständige“ Methoden anerkennen möchte. Im juristischen Kontext ist so zum Beispiel oft die Rede vom Gerichtsdolmetschen. Hierbei wird eine umfassende Kenntnis von internationalem Recht und/oder dem Rechtssystem eines bestimmten Landes vorausgesetzt. An einigen Universitäten und Hochschulen wird im Rahmen der Dolmetscherausbildung der Schwerpunkt auf entsprechende juristische Übersetzungen gelegt. In demselben Maße existieren aber auch Dolmetscher-Bildungsgänge, bei denen der Fokus auf der Face-to-Face-Kommunikation, der Zusammenarbeit mit größeren Gruppen oder dem Übersetzen im wirtschaftlichen Kontext liegt.

Wie nun klar geworden ist, bedient man sich beim Dolmetschen den unterschiedlichsten Techniken und hat bestimmte Prämissen im Hinterkopf, die die Struktur der finalen Übersetzung stark beeinflussen. Das Ziel ist aber jedes Mal das Gleiche: Alle beteiligten Personen sollen neutral behandelt werden und über den gleichen Kenntnisstand verfügen, damit jegliche sprachliche Differenzen überwunden sind. Schließlich geht es ums Übersetzen – und nicht ums Versetzen oder gar Herabsetzen.

Autor: Niklas Nowak

Quellenangaben:

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